Kleine Fluchten

(Kurzfassung und Fotos am Ende)

So spät wie dieses Jahr war ich noch selten dran mit Geburtstagsschwimmen – jetzt konnte ich es gerade noch in den August reinquetschen. Vorsicht, Flachwitz: Wie geht Geburtstagsschwimmen? Gar nicht, es schwimmt! Und zwar so viele Hektometer, wie ich in dem Jahr alt wurde. (Ein Hektometer ist so was Ähnliches wie ein Hektoliter, nur in länglich. Also ein- statt dreidimensional). In den letzten Jahren bin ich immer von Remseck zur Freibadgaststätte geschwommen, mal mit Katja, mal mit Martin und/oder Detlev. Dieses Jahr wollte ich es im Oberlauf des Neckar versuchen, ohne Schiffsverkehr und mit etwas transparenterem Wasser. Und irgendwie war mir nicht nach Gesellschaft.

Vor ein paar Wochen war ich bei Anne Klatt in Tübingen-Lustnau zum Tanzworkshop, da sind wir nachmittags in den Fluss gesprungen. Genau da wollte ich starten. Und weil der Urlaub dieses Jahr Corona zum Opfer gefallen ist (nach sechs Monaten habe ich mir gestern mit Hilfe einer Anwältin die Erstattung der Ticketkosten im gerichtlichen Mahnverfahren erstritten), wollte ich einen Kurztrip daraus machen (nach dem Ausflug zum Bodensee): zwei Tage auf gut Glück den Neckar runter. Am Mittwoch packte ich meine sieben Zwetschgen in den großen Sack von Chillswim. Die Million-Dollar-Frage war: Neo mitnehmen oder nicht? Zwei Wochen vorher, während der Hitzewelle, wäre die Antwort klar gewesen. Diese Woche vermeldete die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg eine Wassertemperatur von knapp 20 Grad. Das ist eigentlich noch ganz lauschig, kann aber über die Zeit ganz schön zehren. Am Ende zog ich ohne Gummi los.

Donnerstag kurz nach Mitternacht grölte der Wecker (6 Uhr 30). Ich mümmelte eine Scheibe Toast und packte die letzten Utensilien nach dem Matrjoschka-Prinzip ein. Handy in den Ziplock-Beutel, diesen in den Schwimmsack und selbigen in ein Tragenetz. In Tübingen gönnte ich mir gegen 10 Uhr ein zweites Frühstück und wanderte hinaus nach Lustnau. Hinter dem Stauwehr wollte ich einsteigen. Die Stauwehre hatte ich aus den Luftbildern von Google Maps verortet und in meine Radwanderkarte eingezeichnet; auf der hatte ich auch Kilometermarken in den Fluss gekringelt. Rund 30 Kilometer bis Nürtingen hatte ich so vorbereitet, die Kartenabschnitte so klein wie möglich zusammengepuzzelt und laminiert. Das ergab ein Teil von etwas mehr als DIN A6, das ich an den Schwimmsack hängen konnte.

Nach dem Wehr kam noch eine flache Wildwasserpassage, an der spazierte ich vorbei und suchte mir einen gemütlichen Einstieg. Im dritten Anlauf war alles im Sack drin, was hinein gehörte (auch die Brille) und alles draußen, was ich in der nächsten Stunde brauchen würde. Ich verschloss den Sack und blies die Lufttaschen auf. Fotoapparat nebst Spiralkabel und Flusskarte hingen außen am Griff. Langsam stieg ich in’s Wasser, das beim Reingehen schon ein wenig frisch war. Die nächste halbe Stunde war reines Genuss-Schwimmen. Die Temperatur angenehm, das Wasser klar und gerade tief genug zum Schwimmen, ich konnte mich aber zum Fotografieren auch gemütlich hinstellen. Der Grund bestand aus großen, bemoosten Felsblöcken, über denen kleine Fische hin und her schossen, ab und zu schwang eine Wasserpflanze in der Strömung. Auf den ersten hundert Metern hatte ich noch einen Linksdrall, dann fand ich meinen Weg und schwamm schön geradeaus durch eine wunderbare Allee aus alten hohen Bäumen an beiden Ufern.

Nach knapp drei Kilometern sah ich das nächste Wehr vor mir, furchteinflößend beschildert. Zu meiner Erleichterung wie Verwunderung nahm die Strömung hier ab, das Wasser stand beinahe. So konnte ich nach einem Ausstieg suchen, ohne Panik, in die große Turbine gezogen zu werden. Inzwischen war ich doch ein wenig ausgekühlt, ich zitterte leicht und hatte taube Finger. Auch mental war ich zu dieser Zeit ziemlich grobmotorisch unterwegs. Einen gemütlichen Ausstieg fand ich nicht, zunehmend hektisch schwamm ich hin und her und kämpfte mich schließlich durch Gebüsch den Uferdamm hoch, den Schwimmsack hinter mir her schleifend. Auf einem Trampelpfad umging ich das Wehr und stapfte noch eine Weile am Neckar entlang. Gleich hinter dem Wehr war zu wenig Wasser, danach war das Ufer zu hoch und steil, um ungefährdet einzusteigen. Schließlich musste ich noch ein Trinkwassersperrgebiet der Stadtwerke Tübingen umwandern. Immerhin war ich wieder gut aufgewärmt und ausgeruht, als ich erneut ins Wasser stieg. An Kirchentellinsfurt vorbei ging es auf eine lange Gerade. Die Vegetation links und rechts sah hier mehr nach Urwald aus, als nach einer ordentlich-schwäbischen Allee. Sogar tote Baumstämme lagen im Wasser – hier hatte lange niemand gekehrt! Wieder kam ich knapp drei Kilometer voran, bis mich das nächste Stauwehr ausbremste. Diesmal war der Ausstieg noch dramatischer. Das Ufer war glatt, steil und rutschig, das vertrocknete Gestrüpp bot keinen Halt. Beim dritten Versuch fand ich eine Stelle mit einem Tritt auf halber Höhe und kämpfte mich hoch.

Laut meiner Uhr hatte ich bis dahin 57 von 60 Hektometern geschafft, das erste Etappenziel lag in greifbarer Nähe. Leider wurde ich dann von einem Zaun ausgebremst, der die Landzunge zwischen Neckar und Baggersee komplett versperrte. In den Fluss kam ich hier auch nicht, zu steil und voll Gestrüpp war hier das Ufer. Ich setzte mich erst mal hin und mümmelte die Käsesemmel, die ich morgens am Bahnhof gekauft und in einen Ziplock-Beutel gepackt hatte. Als Dessert gab es noch 1-2 Mini-Snickers aus einem anderen Ziplock-Beutel. Ich studierte meine Karten und sah, dass es im näheren Umkreis einige Käffer gab, aber ohne Bahnanschluss. So oder so hätte ich mehrere Kilometer hatschen müssen, um in eins davon zu gelangen. Und ohne Neo wollte ich nicht noch ein paar Stunden schwimmen – schon gar nicht noch einen weiteren Tag lang. Ziemlich frustriert zog ich mich um, packte meinen Krempel in den Beutel und wanderte zurück nach Tübingen. Heute, in aller Ruhe am Rechner sitzend, sehe ich natürlich auf Anhieb, wie ich hätte weiter schwimmen können…

Vom Kirchentellinsfurter Baggersee nach Tübingen führt ein nagelneuer Fuß-/Radweg, der einem Ludwigsburger Schlagloch-Radler die Tränen des ehrlichen Neids in die Augen treibt. Brav und gesittet wanderte ich am äußersten rechten Rand, denn der Radverkehr war beeindruckend. Rennradler, Ausflügler aller Art, mit und ohne Elektrik, ein Triathlet mit Scheibe – es ging zu wie auf der A8 vor Rosenheim. Kurz vor vier war ich wieder in Lustnau. Hier wollte ich die 60 Hektometer vollmachen und noch ein Stück den Neckar hochschwimmen. Leider kriegte meine Uhr hier den Schluckauf. Hatte sie die erste Gehpause noch korrekt ausgeblendet, so sprang sie jetzt von 5.700 auf 6.400 Meter. Hektisch stoppte ich sie und vermaß den letzten Abschnitt separat. Deshalb gibt es auch kein Foto mit der mythischen 60 auf der Anzeige. Das ist aber egal, denn die letzten Meter waren wieder ein reiner Genuss. Gegen die Strömung, wieder in Begleitung unzähliger kleiner Fische, über grünbewachsene Felsen schwamm ich bis zum Ruderclub. Dort stieg ich genau rechtzeitig aus, bevor mehrere Doppelvierer das Wasser unsicher machten. Drei Stunden später verdarb ich dem Junior den Abend: statt Pizza vom Lieferdienst gab es Spaghetti Carbonara.

Für alle, die nur das glauben, was auf Strava steht:

Teil 1
Teil 2

P.S. Diesen Artikel habe ich erst hinterher gelesen.

Und hier die Fotos:

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Über Günter

Manager und Triathlet
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