Nie endende Pubertät

Seitdem ich wieder laufe – und das meist auf der gleichen Strecke – gebe ich mir gerne ein Hörbuch aufs Ohr. Gerne auch ein längeres, damit ich auch was davon habe. Ein gutes Hörbuch zu finden ist gar nicht so einfach. Meist findet man in den Regalen der Buchhandlungen Thriller oder eher leichte aktuelle Bestseller; für einen narzisstischen Intellektuellen wie mich kommt so etwas natürlich nicht in Frage. „Federball“ von John leCarré war ein willkommenes Highlight: auf 8 CDs wird der ganze Carré-Kosmos mit viel Liebe zum Detail zelebriert, mit der ganzen Ménagerie liebenswert kruder Psychopathen, die der Meister des Spionageromans in seinem kranken Hirn ausgebrütet hat. Seltsam nur der deutsche Titel des Buchs: alle, die diesen Sport betreiben, nennen ihn ausschließlich Badminton; auch im Roman wird immer nur dieser Begriff verwendet. Bei der Suche nach dem Englischen Original sind die Buchhändlerin meines Vertrauens und ich an unsere Grenzen gestoßen. Sucht selbst, wer mir als Erste*r die richtige Lösung schickt, darf mit mir zum Geburtstagsschwimmen 😉

Aber eigentlich wollte ich ja über Kirchhoffs „Widerkehr“ lästern. Dieses Buch beginnt langsam und angenehm und lullte mich zunächst auf tückische Weise ein. Ein alter Mann (noch (!) älter als ich) blickt auf sein langes Leben zurück, das ihm mancherlei kleine und große Schicksalsschläge verpasst hat. Auf gar wundersame Weise tritt eine geheimnissvolle Frau in selbiges und in seine Wohnung und bevor man sich’s versieht, wohnt dem Anfang ein Zauber inne und die beiden fahren im Cabrio nach Süditalien.

Schon recht bald hatte ich ein irritierendes Déjà lu. Bzw. Déjà entendu, es war ja ein Hörbuch. Ich konnte mich einfach viel zu gut in diesen alten Sack hineinversetzen. Dieses Gefühl hatte ich zuletzt bei der Schullektüre von Salingers „Catcher in the Rye“. Mit billigen Taschenspielertricks zupft der Autor an den banalen Saiten der waidwunden Knabenseele, einstmals des 16-jährigen Holden Caulfield, nunmehr des rund 50 Jahre älteren Reither, der in dem halben Jahrhundert, das ihn vom Bett im Roggenfeld trennt, nicht wirklich gereift ist. Sein Frauenbild ist erschreckend antiquiert, die Frauen im Roman werden überhöht oder karikiert, ihre Rolle ist es, „den Mann“ zu erlösen oder in’s Verderben zu stürzen. Das Peinlichste an der ganzen Affaire: damit hat er an die banalen Saiten meines alten Herzens gerührt… Als typischer Vertreter meines Geschlechts träume ich natürlich in aller Heimlichkeit (diesen Blog liest ja sowieso niemand) davon, dass eine mysteriöse Frau – an den Prüfungen des Schicksals gereift, aber immer noch über die Maßen schön -, in mein Leben tritt und es wieder mit Zauber füllt, bis dass die Demenz ihren gnädigen Schleier über Alles legt. Und das, ohne dass ich einen Finger dafür zu rühren brauche. Mit Details dieser feenhaften Erscheinung verschont uns Kirchhoff, so kann sich jedes Spät-Pubertier seine eigene Göttin zusammenfantasieren. Während Kirchhoff uns an allen noch so seichten Gedankengängen seines Helden teilhaben lässt (der auch noch ein edelmütiger Verleger war, der weder Kinder-, Koch- noch Reisebücher in seiner Verlagsbuchhandlung geduldet hatte und kurz vor dem Rentenalter von den bösen Onlinehändlern wirtschaftlich gemeuchelt worden war), bleibt die Innenwelt der Frau – die immerhin die ganze Handlung vorantreibt – im Nebel verborgen. Warum eine so edle Gestalt ausgerechnet den Jammerlappen Reither für eine spontane Italienreise in Beschlag nimmt, bleibt ein Rätsel. So haben wir Mit-Lappen die Hoffnung, dass auch uns Solches noch widerfahren könne. Am Ende geht natürlich alles den Bach runter, wie in einem Shakespeare-Drama, in dem von Anfang an die Sterne über Kreuz standen.

So weit, so banal und Herz ergreifend. Was mich aber am Meisten geärgert hat, war die literarische Hütchenspielernummer, die Kirchhoff mit ätzender Regelmäßigkeit abzieht. Alle paar Minuten gebraucht er einen Ausdruck, der seinen Verleger-Helden innehalten lässt, weil der seine Autoren für genau diese Ausdrucksweise an’s Kreuz genagelt hätte. Da räsonniert dann der Erzählte darüber, dass sein Leben wie eine Erzählung an seinem Ohr vorbeizieht und unterzieht selbige unnachgiebiger Kritik, wenn es gar zu sentimental, banal oder gefühlig wird. Aber, oh Wunder: er vergibt seinem Autor! In jedem anderen Buch wäre diese oder jene Redewendung unerträglich gewesen, aber an dieser Stelle ist sie einzig zutreffend! So feiert Kirchhoff sich selbst als Sprachgiganten, der in meisterlicher Manier auch mit schlechtem Stil große Literatur zaubert. Und das auch noch selbstgefällig kommentiert. Den Höhepunkt (!) erreicht dieses Stilmittel, als es zwischen den Hauptfiguren zum Koitus kommt. Da belehrt uns Kirchhoff auf dem Umweg über seine Verleger-Romanfigur erst darüber, dass Sexszenen in der Literatur von jeher ein Kamikaze-Unterfangen sind, dann zitiert er aus einem fiktiven Buch, das Reither mal gelesen hat, eine solche Szene, die er dann für so genial befindet, dass er die gleich mitbenutzt. Wenn’s also peinlich gewesen sein sollte, war zumindest nicht Kirchhoff schuld, sondern eine von ihm erfundene Autorin. Über den tatsächlichen Ablauf der Liebesnacht breitet er das Plumeau des Schweigens. Wobei mich schon interessiert hätte, wie ein Paar, das noch (!) älter ist als ich und sich gerade mal seit zwei Tagen kennt, auf Anhieb für beide befriedigenden Sex hat, während nebendran, nur durch einen Vorhang getrennt, ein fremdes junges Mädchen auf dem Sofa schläft. Aber vielleicht ist ja auch das Teil des Zaubers, den wir uns alle selbst wirken müssen.

 

John leCarré: Federball.
Hörbuch Hamburg

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis.
Frankfurter Verlagsanstalt 2016

Über Günter

Manager und Triathlet
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7 Antworten zu Nie endende Pubertät

  1. LP schreibt:

    …(diesen Blog liest ja sowieso niemand)…

    Na gut, dann antworte ich mit Homer: „Niemand ist mein Name, denn Niemand nennen mich alle, meine Mutter, mein Vater und alle meine Gesellen.“
    Oder, um es sehr viel kürzer zu kommentieren: Doch! Ich!

    • Günter schreibt:

      Hach, ein alter Philologe!
      (Wer außer mir hat erst mal an Homer Simpson gedacht?).

      • LP schreibt:

        Hätte ich besser mit „Il mio nome è nessuno“ antworten sollen?

        Es gibt ja so viele, die Nobody/Nessuno/Niemand heißen oder sich so nennen lassen. Aber letztlich wirft uns das doch wieder auf den listenreichen Odysseus zurück. Selbst dieser Filmtitel.

        Wir kommen vom Thema ab.

      • Günter schreibt:

        Und dann gibt es noch Gantenbein und Ishmael, die man mit etwas Findigkeit sicher auch auf antike Quellen zurückführen kann. Shakespeare hat keinen einzigen seiner Stoffe selbst entwickelt, aber er hat diese alten Geschichten in seiner Fassung unsterblich gemacht. Ihre Protagonist*innen allerdings nur im übertragenen Sinn.

  2. kabadoo schreibt:

    Ich hab’s auch gelesen, also den Blog nicht: Agent Running in the Field…. falls das noch gesucht wird

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