Vermes revisited

Vor einigen Jahren habe ich Vermes‘ Hitler-Buch gnadenlos verrissen – was dessen Absatz keine merkliche Delle verpasst hat. An jenem Buch störte mich vor allem der Ansatz, mit einer faktisch unmöglichen Voraussetzung eine Geschichte zu schreiben, die von vornherein keine Auflösung finden kann. Nicht, dass jede Geschichte am Ende aufgelöst werden muss; das echte Leben folgt keiner Dramaturgie und Karma findet man auch immer erst hinterher. Das Menschlein, inner- und außerhalb eines Buches, sucht halt verzweifelt nach einem Sinn, den sein Leben haben könnte, zur Not erfindet es sich einen (vgl. Monty Python). Dazu braucht man aber mehr als einen Siemens Lufthaken als Angelpunkt.

Nun hat Vermes ein neues Buch herausgebracht: Die Hungrigen und die Satten. Auf der Suche nach umfangreichen Hörbüchern für mein Lauftraining bin ich darauf gestoßen und habe es mir aufs Ohr gepackt. Bei den ersten Kapiteln war ich noch skeptisch. Die Geschichte beginnt im hoffnungslosen Elend eines riesigen Flüchtlingslagers in Nordafrika. Flüchtlingselend als Hintergrund für Unterhaltung? Das kam mir arg frivol vor. Ich blieb aber dran, vor allem wegen Nadeche Hackenbusch, der Moderatorin eines Privatsenders, die sich nach eigenen Angaben „aus kleinen Behältnissen“ zum Star einer reality-soap hochgearbeitet hat (oder so was in der Art). Nadeche und der ganze Tross des TV-Senders werden mit hingebungsvoller Bosheit in ihrer ganzen selbstverliebten Dummheit vorgeführt und Christoph Maria Herbst liest das Ganze meisterhaft.

Schnellvorlauf: der Sender schickt Nadeche für eine Reportage in das Flüchtlingslager und castet vorher telegene Menschen, denen man vor laufender Kamera Gutes tun kann. Dabei tut sich ein junger Mann durch sybillinische Sprüche hervor, z.B. dass dem Löwen, der dich jagt, dein Name egal sei. (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, beim Hörbuch kann man leider schlecht nachschlagen). Schnell hat er die Bezeichnung „Löwenmann“ weg, aus der spontan Lionel wird. Wie er wirklich heißt, erfahren wir nicht. Nadeche wird von den Zuständen im Lager so überwältigt, dass sie allen Ernstes und nicht nur für die Quote helfen will. Lionel ist immer an ihrer Seite. Noch-schnellerer Vorlauf: 150.000 Menschen aus dem Lager brechen zu Fuß auf nach Deutschland, generalstabsmäßig versorgt von einer Schleuserorganisation, die mit einer Flotte LKW jeden Tag Lebensmittel und Wasser heranschafft sowie Generatoren und WLAN-Posten, damit die Flüchtenden ihren Obolus von 5 Dollar pro Tag per Handy auch entrichten können. Selbst Dixi-Klos werden herangekarrt. Das TV-Team immer mittendrin. Nadeche und Lionel werden ein Paar und der Löwenmann gewöhnt sich schnell daran „mit deutscher Gründlichkeit geküsst“ zu werden.

Derweil spitzt sich die Lage in Deutschland zu. Nachdem der Treck der Wanderer jede Grenze problemlos überquert (weil die jeweilige Lokalregierung darauf vertraut, dass er bald wieder weg ist), muss sich die Politik damit zurecht finden, dass die Menschen tatsächlich bald an der Deutschen Grenze stehen. Man erwägt allen Ernstes, sie mit Waffengewalt zu stoppen. Die Debatten darüber gehören für mich zum besten Teil des Buches. Der Innenminister Joseph Leubl (für den alleine der Sprecher Herbst einen Oskar verdient hätte), prescht an einem Punkt vor mit der Ansage, man werde die Menschen in’s Land lassen. In einer hochemotionalen Ansprache legt er schlüssig dar, dass es keine moralische Alternative dazu gebe und zeigt ganz nebenher auf, wie Europa mit einer gezielten Migrationspolitik seine demographischen und wirtschaftlichen Probleme lösen kann.

Das wird in der Bevölkerung nicht gern gehört. Rechte Gruppen formieren sich, die Proteste eskalieren. Als der Treck immer näher kommt, tauchen aus dem Nichts radikale, bewaffnete und bestens organisierte „Bürgerwehren“ auf, die vor keinem Gewaltexzess zurückschrecken. Das Buch ist im August 2018 erschienen. Was Vermes hier bezüglich der Radikalisierung, Entschlossenheit und Gewaltbereitschaft der Rechtsextremen im Lande beschreibt, wirkt bedrückend prophetisch. Die Geschichte steuert dann auf ein gewaltsames Ende zu. Entgegen der klassichen Hollywood-Dramaturgie scheut sich Vermes nicht, seine Protagonisten erbärmlich verrecken zu lassen – anders kann ich es nicht sagen. Am Ende bleibt nur Nadeches Ex-Mann, der ihr Andenken versilbert. Jahre später kommt es dazu, dass Leubls Vision doch noch erfolgreich umgesetzt wird.

Ich habe das Buch mit Faszination und Anteilnahme gehört. In den letzten Kapiteln kippte es für meinen Geschmack zwar von konstruiert, aber glaubhaft, zu bemüht konstruiert. Trotzdem eine erstaunlich unterhaltsame Auseinandersetzung mit den schwierigen Themen Migration und Rechtsextremismus.

Und demnächst rechne ich mit Kirchhoff ab.

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten. Eichborn, 2018.

Über Günter

Manager und Triathlet
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