Ausländer als Ohrwurm

Neulich habe ich von meinen Malaisen mit dem mobilen Blitzer erzählt. Mein erster Anlauf für den ersten Satz war: „Was seh ich, als ich gestern auf der Straße geh?“. Und Zack, der Ohrwurm hatte sich festgesetzt. Es war das Ausländer-Lied von Georg Kreisler. 1963 aufgenommen, wie ich jetzt gesehen habe. Ein launiges Liedchen über den alltäglichen Rassismus. Und leider aktueller denn je. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zeigen immer dreister ihre hässliche Fratze. Aus der niederschwelligen, allgegenwärtigen Antipathie gegen alles Fremde ist knapp 60 Jahre später offen gelebter Hass geworden, der vor immer weniger zurückschreckt und von immer weiteren Kreisen als normal akzeptiert wird (Stichwort: das wird man doch noch sagen dürfen). Statt „Geh doch nach drüben“, der damals beliebten verbalen Keule insbesondere für Kritiker des größten bayerischen Landesvaters aller Zeiten, wirft man liberalen, weltoffenen Menschen heute Todesdrohungen und andere Gewaltphantasien an den Kopf.

Das Lied zeigt in seiner Skurrilität den ganzen Schwachsinn auf, der hinter der selbst gezimmerten xenophoben Weltsicht steht. Das beginnt schon mit der Zuschreibung der Ausländischkeit. Woran hat der Erzähler das festgemacht? Hautfarbe, Haare, Kleidung, Sprache, Accessoires? (Stichwort: Nein, wo kommen Sie wirklich her?). Dann die spontane Reaktion: Schnappatmung ob der Unverschämtheit, dass dieser Mensch existiert; Kernschmelze jeglichen vernünftigen Denkens; abstruser Aktionismus; und am Schluss gibt man dem „Ausländer“ die Schuld für die eigene Blödheit.

Zur Erheiterung und Abschreckung hier der komplette Text:

Der Ausländer
T.u.M. Georg Kreisler
Erschienen 1963 bei Preiserrecords

Was seh ich, als ich gestern auf der Straße geh?
Der Schreck tut mir heut noch weh:
Oh Gott, einen Ausländer!
Er lässt die Leute still an sich vorbei gehn,
Als wollt er sagen: wart, ich werd’s euch zeigen!

Ich bin doch sonst ein ruhiger und beherrschter Mann,
Den nichts irritieren kann –
Außer ein Ausländer.
Als dieser plötzlich weiter ging, da dacht ich: saperlott,
Dem geh ich nach, ich bin doch Patriot!

Das ist wieder typisch!
Er ist doch schließlich nur ein Ausländer, nicht mehr!
Und geht so sorgenfrei,
Als ob er Schweizer sei,
Durch den Verkehr.
Ich muss hinterher!

Das ist wieder typisch!
Er sieht den Leuten, die ihn anschaun, ins Gesicht!
Und wenn er stehen bleibt,
Wie’s ihn gleich weiter treibt,
Den Bösewicht!
Mich bemerkt er nicht.

Vor der großen Kirche auf dem Hügel bleibt der Schurke endlich stehn.
Und er reißt die Augen auf, als hätt‘ er diese Kirche nie gesehn!

Das ist wieder typisch!
Jetzt geht er in die Kirche rein, so ein Sch… kandal!
Obwohl ich Schweizer bin,
War ich noch niemals drin,
Doch dieses Mal –
Bleibt mir keine Wahl.
Fatal!

Ich denke oft des Nachts, während mir das Blut gerinnt:
In anderen Ländern sind
Überhaupt nur Ausländer!
Doch hier versucht sich keiner einzunisten –
Nur im Tessin n‘ paar steinreiche Touristen.

Dafür sind wir auch auf der ganzen Welt bekannt:
Wir sind das einzige Land
Mit ausschließlich Inländern!
Und wenn nicht grad Saison ist und s‘ kommt trotzdem wer vorbei,
Dann schnappt ihn uns’re Fremdenpolizei.

Das ist wieder typisch!
Ich musste lange vorm Hotel auf Wache stehn.
Ich denk, er kommt um acht,
Was glaub’n Sie, was er macht?
Er kommt um zehn!
Ich hab ihn gesehn.

Das ist wieder typisch!
Er hatte nämlich nachts zuvor ein Rendezvous
In einer kleinen Bar,
Doch als er hinkam, war
Die Bar schon zu! Haha!
Na, da gab er Ruh! Hahaha!

Plötzlich spricht er mich an
Und schon nach den ersten Worten war ich platt!
Das war ja gar kein Ausländer,
Das war ein Käufer aus der nächsten Stadt!
Sehn Sie, was man mitmacht!

Das ist wieder typisch!
Da kommt ein Ausländer in uns’re Stadt voll List,
Geht üb’rall aus und ein,
Ich schleiche hinterdrein,
Seh alles, was er macht,
Bleib auf die ganze Nacht,
Geh selber nicht nach Haus
Und dann stellt sich heraus,
Dass dieser Ausländer ein Einheimischer ist!
Ist doch wieder Typhus!
Äh, typisch!

Über Günter

Manager und Triathlet
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