Ich habe keine Übergangsjacke…

… ich habe einen Übergangs-Kleiderschrank! Dessen Inhalt hängt in dieser Jahreszeit nahezu vollständig an der Hakenleiste an meiner Zimmertür. Bei diesem Wetter habe ich griffbereit: eine Garnitur in kurz und dünn, eine in lang und dünn und eine in lang und dick. Jeweils für Laufen und Radeln. An der Garderobe im Flur hängen – dazu passend – etwa drölfzig *) Jacken für alle denkbaren Kombinationen aus viel/wenig Wind, Regen und Celsiusgraden. Seit einigen Tagen ziehe ich zudem ein Mützchen unter den Radhelm, wenn ich vom Schwimmen heim fahre. Handschuhe sind auch wieder angesagt, zunächst nur die dünnen als Windschutz. Neben den alten bequemen und den schicken neuen, aber etwas engen Radschuhen stehen die Winterschuhe mit Klickis sowie dünne und dicke Überschuhe. Die Kombinationsmöglichkeiten sind fast so groß wie bei der Konfiguration eines Neuwagens der automobilen Oberklasse (kenne ich nur vom Hörensagen).

Beim Schwimmen ist die Kleiderfrage dagegen übersichtlich (wenn man nicht zum Eisschwimmen geht, aber das führt jetzt zu weit). Aus meiner umfangreichen Buxen-Sammlung *) habe ich dieses Jahr fast nur die schöne bunte von Aquadeus getragen. Die ist offenbar unverwüstlich, riskiert aber, von einer noch schrilleren der Marke Turbo verdrängt zu werden, die ist aber noch nicht hier. Die weiße Speedo aus dem „Jungen Papst“ hatte ich noch nie im Einsatz – ich warte noch auf die Gelegenheit, welche genau das richtige Maß an Eitelkeit und Schamlosigkeit erfordert. Einen Übergang gab es heute trotzdem: Das Becken ist auf die halbe Größe geschrumpft! Nach Monaten im Freibad mit 50-Meter Becken war ich heute erstmals wieder im Hallenbad und durfte alle 25 Meter einen Purzelbaum schlagen. Dabei kam ich ganz schön außer Atem. Die Rollwende habe ich mir vor ungefähr fünf Jahren mit Hilfe von youtube-Videos beigebracht. Diesen Sommer habe ich dann versucht, die Tauchphase nach der Wende dynamisch-elegant zu gestalten. Wenn ich danach eine Minute Zeit habe, um wieder Sauerstoff zu tanken, klappt das ja; im kurzen Becken bin ich doch recht flott japsend an die Oberfläche geschossen. Obwohl ich heute nicht besonders ehrgeizig unterwegs war, brauchte ich für die 1000 Meter rund 90 Sekunden weniger als im großen Freibad – Rollwende sei dank!

Hier noch die im Text erwähnten Schwimm-Textilien / Bademoden in der Reihenfolge ihres Auftritts:

*) Vokabular entlehnt von meinem großen Vorbild Lutz Prauser

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ICH HAB NEUES SPIELZEUG!

Letzte Woche habe ich fantastische Unterwasserfotos gesehen. Dabei waren auch welche, die das Objekt teils über, teils unter Wasser abbilden. Beim Versuch, solche Fotos zu schießen, bin ich schier wahnsinnig geworden. Mit Bordmitteln ist so etwas offenbar physikalisch nicht möglich. Bei den winzigen Frontlinsen der gängigen Action-Cams bedeckt das anhaftende Wasser die ganze Fläche und lässt eine Trennlinie nicht zu. Bei den oben erwähnten Fotos stolperte ich in den Begleittexten über den Begriff „Dome Port“. Eine schnelle Abfrage machte mich (noch) schlauer (, als ich ohnehin bin): Ein dome port ist eine Halbkugel aus Plexiglas, die man vorn an die Kamera anflanscht. So etwas gibt es z.B. für die bekannte GoPro. So ein Teil habe ich natürlich in meinem Fundus, ich musste aber erst mal erkunden, welches Modell das denn ist. Es stellte sich natürlich heraus, dass es eine antike Version ist, bekannt als Hero3. Die ports sind genau auf die Kamera abgestimmt, weil das Objektiv genau in der Mitte der Halbkugel liegen muss und in das Gehäuse Tasten eingelassen sind, die genau zu den Tasten der Kamera passen müssen. Online wurde ich schnell fündig. Für mein Uralt-Gerät gibt es einen dome port von Telesin. Die Bewertungen auf der Handelsplattform gingen extrem auseinander, nicht nur bei diesem Hersteller. Neben begeisterten Reviews gab es auch solche, in der Nutzer den Totalverlust ihrer Kameras durch eindringendes Wasser beklagten. Ich bestellte mir sofort so ein Teil, heute kam es an. Der erste Eindruck: sonderlich stabil scheint es nicht zu sein, also lieber sorgsam behandeln. Bei dem Preis von 38 Euro war aber realistisch nicht mehr zu erwarten. Die beiliegende Anleitung war reichlich sparsam, aber nach reichlich Fummelei – die auch der knappen Passform der Teile geschuldet war – bekam ich alles zusammengestöpselt. Dass am Schluss noch Teile übrig waren, deren Bedeutung sich mir beim besten Willen und trotz meiner legendären Schlauheit nicht erschloss, hab ich letztendlich gar nicht ignoriert…

So sieht das Teil (ohne Zubehör) aus:

Vorgewarnt durch die Bewertungen habe ich als Erstes die zwölf Schrauben auf der Vorderseite auf gleichmäßigen, (nicht zu) festen Sitz geprüft. Dann habe ich das Teil im Spülbecken versenkt und kräftig geschüttelt. Man sieht, dass am Rand Wasser eindringt, das aber von dem roten O-Ring daran gehindert wird, in’s Innere durch zu dringen. Ich hoffe, das bleibt auch über die Zeit so…

Nachdem dann die GoPro wieder Akku hatte, war ich so mutig, sie in das Gehäuse zu packen und erste Testaufnahmen zu machen. Das Ergebnis war durchaus ermutigend!

Mein erster Eindruck: das Teil funktioniert, weist aber nicht die Stabilität der GoPro Original-Ausstattung auf. Ich werde es sorgsam behandeln und nur an der Oberfläche benutzen, für die es ja auch gedacht ist. Hier noch die ersten echten Aufnahmen – seid froh, dass ich keine Badewanne habe!

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Klein und fein und einzigartig – der mz3athlon 2020

Die Hälfte meiner Beiträge aus 2020 bestand bislang aus Genöle darüber, dass mein Plan, im Jahr meines Aufstiegs in die AK M60 selbige aufzumischen, von den Zeitläuften zu Staub zerrieben wurde. Als Babyboomer habe ich ja schon genug damit zu tun, mich der Heerscharen Gleichaltriger zu erwehren, die partout ihre Laufschuhe nicht an den Nagel hängen wollen; im Gegenteil, die alten Säcke werden von Jahr zu Jahr zäher! Ich hingegen werde den Teufel tun und auf gutes Essen und Trinken verzichten (Cheers, Leute!). Wie gesagt, 2020 brach an und alle Wettkämpfe wurden abgesagt, gleichzeitig fluteten die Hobbyletten Lauf- und Radstrecken und steigerten sich in eine nie gekannte Trainingsform.

Dann ergriff Achim Seiter mit seiner Truppe unbesiegbarer Gallier von 3Komma8 die Inititative, entwickelte ein Hygienekonzept, überzeugte das Freibad, den Sportverband und das Landratsamt. 240 Startplätze, keine Zuschauer, Jagdstart, verkürzte Strecken. Ich hatte kaum davon gehört, da war ich auch schon angemeldet. Als Genussmensch (s.o.) wählte ich die letzte Startgruppe (und kam dadurch unter enormen Zeitdruck, weil ich den Termin in Stuttgart um 14:30 in meiner Euphorie verdrängt hatte).

In altgewohnter Paranoia legte ich 24 Stunden lang meinen Krempel zurecht. Heute früh holte ich ein mittelgroßes Stadtmobil, packte das Rennrad und besagten Krempel hinein und düste los. Natürlich viel zu früh… In Steinheim fiel mir dann auf, dass ich keine Schwimmbrille dabei hatte. 250 Meter sollte ich aber auch im Blindflug bewältigen können. Beim Check-in 45 Minuten vor dem Start brachte ich noch den Kampfrichter in Verlegenheit, der nicht sicher war, ob meine Fahrradklingel dem Regelwerk entsprach. Ich hatte komplett verpennt, die abzuschrauben, das holte ich fix nach und war damit wieder auf der sicheren Seite. Ich stellte das Rad an seinen Platz und legte den Krempel daneben. Ein netter Kollege hat das fest gehalten.

Nunmehr ohne Brille tapste ich in’s Schwimmbad und schaute mir an, wie das mit den Bahnen so funktionierte. Im Becken waren drei Doppelbahnen abgeleint. Man sollte auf einer Doppelbahn im Rechtsverkehr rauf und runter schwimmen. So weit, so gut, das praktizierten wir schon das ganze Jahr so. Dann aber sollten wir unter der Leine durch nach rechts auf die nächste Doppelbahn wechseln. Ob ich das mit Rollwende schaffen würde? Ich war seit Monaten auf die andere Drehrichtung geeicht! Die Startzeit rückte näher und mir wurde langsam mulmig. Seit Ende 2019 war ich eher lange und gemütlich unterwegs gewesen, jetzt sollte ich hier sprintmäßig loslegen, das entsprach so gar nicht meiner Einstellung (s.o.). Schließlich war ich dran. Ich hechtete in’s Becken und vollführte das, was ich für Delfinkicks halte. An der ersten Wende knallte ich fast an die Wand. Ich hatte im gewohnten Abstand zur Rolle angesetzt, war aber deutlich flotter unterwegs als beim Rentner-Frühschwimmen. Die zweite Wende unter der Leine durch in die „falsche“ Richtung habe ich irgendwie hingeschummelt, dann kam wieder eine „normale“ Wende (wieder ziemlich nahe an der Wand). An der nächsten Wende war ich gleichauf mit meinem Vorschwimmer und wir wurstelten uns nebeneinander unter der Leine durch. Falls jemand das nicht bemerkt hat, weise ich nochmal ausdrücklich darauf hin: ich hatte dem Kollegen auf 200 Meter eine Minute abgenommen 🙂 . Der Wechsel verlief unspektakulär und die Radstrecke war so hektisch, wie ich das befürchtet hatte. Auf 18 Kilometer darf man keine Sekunde den Druck wegnehmen. Dafür war die Strecke überwiegend in sehr gutem Zustand, die Helfer aufmerksam und die engen Ecken gut gekennzeichnet. Beim Abstieg umzirkelte ich noch zwei Leute, die den Wechsel nicht so perfekt beherrschten wie ich, und ging auf die drei Runden Laufstrecke. Drei Mal ging es einen fiesen Hügel hoch, der mir Alles abverlangte. Auf der Laufstrecke hatte ich auch mein schlechtestes Teilergebnis. Den Hügel hinunter gab ich mächtig Gas und versuchte danach, die Schrittfrequenz auch in der Ebene beizubehalten. Nach gut 5 Kilometern hatte ich keine Energie mehr für einen Endspurt, aber immerhin noch die Luft für einen Zielschrei. Corona-bedingt war der Zielbereich recht aufgeräumt, man sollte sich dort gar nicht aufhalten. Die Zielverpflegung gab es im Beutel und ich musste sowieso expressmäßig nach Stuttgart. Zügig sammelte ich meinen Krempel wieder zusammen, karrte alles nach Hause, drehte eine Ehrenrunde durch die Dusche und war tatsächlich pünktlich in der Landeshauptstadt.

Nach dem, was Race Result so sagt, habe ich mich ganz wacker geschlagen. Die Hauptsache aber: es war ein richtig knackiger Wettkampf, mit allem Drum und Dran. Vor dem Start bedauerte ich noch den Stadionsprecher, der mit größtem Einsatz die viereinhalb genehmigten „Family and Friends“-Zuschauer bespaßte. Auf der Strecke habe ich den Zuschauermangel dann kaum wahrgenommen. Zahlreiche Helfer*innen, die den Weg wiesen, Wasser reichten oder für Notfälle bereit standen, sorgten für Stimmungsnesterchen. Meinen herzlichen Dank an alle, die sich den Sonntag um die Ohren geschlagen haben, um für ein kleines Häufchen Athleten einen perfekt organisierten Wettkampf zu ermöglichen! Ich liebe diesen Sport, ich liebe diese Menschen! In Steinheim habe ich vor ungefähr 15 Jahren meinen ersten Triathlon bestritten. Dass ich heute dort den einzigen des Jahres erleben durfte, war für mich ein riesiges Geschenk. Einen großen Dank an Achim und seine Truppe!

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Kleine Fluchten

(Kurzfassung und Fotos am Ende)

So spät wie dieses Jahr war ich noch selten dran mit Geburtstagsschwimmen – jetzt konnte ich es gerade noch in den August reinquetschen. Vorsicht, Flachwitz: Wie geht Geburtstagsschwimmen? Gar nicht, es schwimmt! Und zwar so viele Hektometer, wie ich in dem Jahr alt wurde. (Ein Hektometer ist so was Ähnliches wie ein Hektoliter, nur in länglich. Also ein- statt dreidimensional). In den letzten Jahren bin ich immer von Remseck zur Freibadgaststätte geschwommen, mal mit Katja, mal mit Martin und/oder Detlev. Dieses Jahr wollte ich es im Oberlauf des Neckar versuchen, ohne Schiffsverkehr und mit etwas transparenterem Wasser. Und irgendwie war mir nicht nach Gesellschaft.

Vor ein paar Wochen war ich bei Anne Klatt in Tübingen-Lustnau zum Tanzworkshop, da sind wir nachmittags in den Fluss gesprungen. Genau da wollte ich starten. Und weil der Urlaub dieses Jahr Corona zum Opfer gefallen ist (nach sechs Monaten habe ich mir gestern mit Hilfe einer Anwältin die Erstattung der Ticketkosten im gerichtlichen Mahnverfahren erstritten), wollte ich einen Kurztrip daraus machen (nach dem Ausflug zum Bodensee): zwei Tage auf gut Glück den Neckar runter. Am Mittwoch packte ich meine sieben Zwetschgen in den großen Sack von Chillswim. Die Million-Dollar-Frage war: Neo mitnehmen oder nicht? Zwei Wochen vorher, während der Hitzewelle, wäre die Antwort klar gewesen. Diese Woche vermeldete die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg eine Wassertemperatur von knapp 20 Grad. Das ist eigentlich noch ganz lauschig, kann aber über die Zeit ganz schön zehren. Am Ende zog ich ohne Gummi los.

Donnerstag kurz nach Mitternacht grölte der Wecker (6 Uhr 30). Ich mümmelte eine Scheibe Toast und packte die letzten Utensilien nach dem Matrjoschka-Prinzip ein. Handy in den Ziplock-Beutel, diesen in den Schwimmsack und selbigen in ein Tragenetz. In Tübingen gönnte ich mir gegen 10 Uhr ein zweites Frühstück und wanderte hinaus nach Lustnau. Hinter dem Stauwehr wollte ich einsteigen. Die Stauwehre hatte ich aus den Luftbildern von Google Maps verortet und in meine Radwanderkarte eingezeichnet; auf der hatte ich auch Kilometermarken in den Fluss gekringelt. Rund 30 Kilometer bis Nürtingen hatte ich so vorbereitet, die Kartenabschnitte so klein wie möglich zusammengepuzzelt und laminiert. Das ergab ein Teil von etwas mehr als DIN A6, das ich an den Schwimmsack hängen konnte.

Nach dem Wehr kam noch eine flache Wildwasserpassage, an der spazierte ich vorbei und suchte mir einen gemütlichen Einstieg. Im dritten Anlauf war alles im Sack drin, was hinein gehörte (auch die Brille) und alles draußen, was ich in der nächsten Stunde brauchen würde. Ich verschloss den Sack und blies die Lufttaschen auf. Fotoapparat nebst Spiralkabel und Flusskarte hingen außen am Griff. Langsam stieg ich in’s Wasser, das beim Reingehen schon ein wenig frisch war. Die nächste halbe Stunde war reines Genuss-Schwimmen. Die Temperatur angenehm, das Wasser klar und gerade tief genug zum Schwimmen, ich konnte mich aber zum Fotografieren auch gemütlich hinstellen. Der Grund bestand aus großen, bemoosten Felsblöcken, über denen kleine Fische hin und her schossen, ab und zu schwang eine Wasserpflanze in der Strömung. Auf den ersten hundert Metern hatte ich noch einen Linksdrall, dann fand ich meinen Weg und schwamm schön geradeaus durch eine wunderbare Allee aus alten hohen Bäumen an beiden Ufern.

Nach knapp drei Kilometern sah ich das nächste Wehr vor mir, furchteinflößend beschildert. Zu meiner Erleichterung wie Verwunderung nahm die Strömung hier ab, das Wasser stand beinahe. So konnte ich nach einem Ausstieg suchen, ohne Panik, in die große Turbine gezogen zu werden. Inzwischen war ich doch ein wenig ausgekühlt, ich zitterte leicht und hatte taube Finger. Auch mental war ich zu dieser Zeit ziemlich grobmotorisch unterwegs. Einen gemütlichen Ausstieg fand ich nicht, zunehmend hektisch schwamm ich hin und her und kämpfte mich schließlich durch Gebüsch den Uferdamm hoch, den Schwimmsack hinter mir her schleifend. Auf einem Trampelpfad umging ich das Wehr und stapfte noch eine Weile am Neckar entlang. Gleich hinter dem Wehr war zu wenig Wasser, danach war das Ufer zu hoch und steil, um ungefährdet einzusteigen. Schließlich musste ich noch ein Trinkwassersperrgebiet der Stadtwerke Tübingen umwandern. Immerhin war ich wieder gut aufgewärmt und ausgeruht, als ich erneut ins Wasser stieg. An Kirchentellinsfurt vorbei ging es auf eine lange Gerade. Die Vegetation links und rechts sah hier mehr nach Urwald aus, als nach einer ordentlich-schwäbischen Allee. Sogar tote Baumstämme lagen im Wasser – hier hatte lange niemand gekehrt! Wieder kam ich knapp drei Kilometer voran, bis mich das nächste Stauwehr ausbremste. Diesmal war der Ausstieg noch dramatischer. Das Ufer war glatt, steil und rutschig, das vertrocknete Gestrüpp bot keinen Halt. Beim dritten Versuch fand ich eine Stelle mit einem Tritt auf halber Höhe und kämpfte mich hoch.

Laut meiner Uhr hatte ich bis dahin 57 von 60 Hektometern geschafft, das erste Etappenziel lag in greifbarer Nähe. Leider wurde ich dann von einem Zaun ausgebremst, der die Landzunge zwischen Neckar und Baggersee komplett versperrte. In den Fluss kam ich hier auch nicht, zu steil und voll Gestrüpp war hier das Ufer. Ich setzte mich erst mal hin und mümmelte die Käsesemmel, die ich morgens am Bahnhof gekauft und in einen Ziplock-Beutel gepackt hatte. Als Dessert gab es noch 1-2 Mini-Snickers aus einem anderen Ziplock-Beutel. Ich studierte meine Karten und sah, dass es im näheren Umkreis einige Käffer gab, aber ohne Bahnanschluss. So oder so hätte ich mehrere Kilometer hatschen müssen, um in eins davon zu gelangen. Und ohne Neo wollte ich nicht noch ein paar Stunden schwimmen – schon gar nicht noch einen weiteren Tag lang. Ziemlich frustriert zog ich mich um, packte meinen Krempel in den Beutel und wanderte zurück nach Tübingen. Heute, in aller Ruhe am Rechner sitzend, sehe ich natürlich auf Anhieb, wie ich hätte weiter schwimmen können…

Vom Kirchentellinsfurter Baggersee nach Tübingen führt ein nagelneuer Fuß-/Radweg, der einem Ludwigsburger Schlagloch-Radler die Tränen des ehrlichen Neids in die Augen treibt. Brav und gesittet wanderte ich am äußersten rechten Rand, denn der Radverkehr war beeindruckend. Rennradler, Ausflügler aller Art, mit und ohne Elektrik, ein Triathlet mit Scheibe – es ging zu wie auf der A8 vor Rosenheim. Kurz vor vier war ich wieder in Lustnau. Hier wollte ich die 60 Hektometer vollmachen und noch ein Stück den Neckar hochschwimmen. Leider kriegte meine Uhr hier den Schluckauf. Hatte sie die erste Gehpause noch korrekt ausgeblendet, so sprang sie jetzt von 5.700 auf 6.400 Meter. Hektisch stoppte ich sie und vermaß den letzten Abschnitt separat. Deshalb gibt es auch kein Foto mit der mythischen 60 auf der Anzeige. Das ist aber egal, denn die letzten Meter waren wieder ein reiner Genuss. Gegen die Strömung, wieder in Begleitung unzähliger kleiner Fische, über grünbewachsene Felsen schwamm ich bis zum Ruderclub. Dort stieg ich genau rechtzeitig aus, bevor mehrere Doppelvierer das Wasser unsicher machten. Drei Stunden später verdarb ich dem Junior den Abend: statt Pizza vom Lieferdienst gab es Spaghetti Carbonara.

Für alle, die nur das glauben, was auf Strava steht:

Teil 1
Teil 2

P.S. Diesen Artikel habe ich erst hinterher gelesen.

Und hier die Fotos:

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Wie kann man ein so gutes Buch so miserabel schreiben?

Im Juni stellte das Literaturhaus den Roman „Im Norden der Dämmerung“ von Nuruddin Farah vor. Ilija Trojanow, der den Autor persönlich kennt, moderierte den Abend, las Auszüge aus dem Buch und plauderte mit dem Autor, der per Videokonferenz zugeschaltet war. Es war ein kurzweiliger und spannender Abend, der mich auf das Buch neugierig machte. Weil die Buchhandlung im Literaturhaus schon zu hatte, habe ich mir das Buch dann  in der Mörike-Buchhandlung meines Vertrauens bestellt – im englischen Original, wenn ich schon mal dabei war. Der Stoff hat es in sich: im Zentrum steht ein somalisches Ehepaar – Gacalo und Mugdi- , das seit Jahren in Norwegen lebt, beruflich erfolgreich, weltoffen, säkular. Der Sohn aus diesem Haus war in den Islamismus abgedriftet, in den „heiligen“ Krieg gezogen und hat sich in die Luft gesprengt. Plötzlich erscheint seine Witwe auf der Bildfläche, samt zwei Kindern aus einer früheren Beziehung. Die Schwiegereltern holen alle drei unter großem Aufwand nach Norwegen, wo die Schwiegertochter beharrlich jegliche Integration verweigert und stattdessen versucht, ihren Steinzeitislam in Oslo auszuleben; bald ist sie mit einem Geistlichen verheiratet, der kurz darauf wegen Terrorunterstützung ins Gefängnis muss. Die beiden Kinder lehnen sich behutsam gegen ihre Mutter auf und versuchen, die Freiheit ihres Gastlandes zu ihrem besten Nutzen zu gebrauchen, ohne ihre Herkunft zu verleugnen oder ihre Mutter allzu sehr zu brüskieren. Ergänzt wird das Personal der Geschichte durch eine erwachsene Tochter mit lotterlichem Noch-Ehemann, die gerade ein Kind bekommt sowie durch diverse somalische und norwegische Freund*innen.

Aus dieser Konstellation hätte man ein großartiges Buch machen können; gelungen ist das leider nur in Ansätzen. Ein positives Beispiel ist die Episode, in der die männliche Hauptfigur im Supermarkt an der Kasse steht, als gerade ein Bericht über einen islamistischen Anschlag über den Laden-Fernseher läuft. Die Gefühlswelt des Mannes in dieser Episode und die Reaktionen anderer Käufer sind für mich das Highlight des Buches. Auch einen Nebenstrang fand ich interessant: Mugdi arbeitet an einer Übersetzung eines norwegischen Werks in’s Somalische. Es geht um norwegische Auswanderer, die in einer gar nicht so fernen Vergangenheit gezwungen waren, ihr Glück in Nordamerika zu suchen und dort mit ähnlichen Vorbehalten zu tun hatten, die heute gegen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge vorgebracht werden.

Und was ist jetzt an dem Buch so schlimm? Es sind die Sprache und der Erzählstil. Der allwissende Autor wird nicht müde, dem tumben Leser mit umständlichen Relativsätzen zu erklären, was gerade in den denkenden/sprechenden/handelnden Personen vorgeht. Dazu gibt es eine Anzahl toter Nebengeleise, auf denen Farah rote Heringe parkt. Die Schwangerschaft der oben erwähnten Tochter der Hauptfiguren verläuft schwierig, sie wechselt Land und ärztliche Betreuung, erleidet Komplikationen, aber am Ende bringt sie ein gesundes Kind zur Welt und ist wohlauf. Das Ganze spielt sich neben der eigentlichen Handlung ab und hat keinerlei Einfluss auf deren Fortgang. Was will uns der Dichter damit sagen? Dass er, obwohl muslimisch erzogen, mitbekommen hat, welch Scheißjob das Kinderkriegen ist? In diesem Zusammenhang steht auch der sprachlich schrecklichste Satz des ganzen Buches. Auf die Frage ihrer Mutter, ob sie eine Periduralanästhesie erwäge, antwortet die Schwangere: Unter Abwägung aller Informationen, die ich darüber erhalten habe, sowie auf Basis der Gespräche mit meiner Geburtshelferin, ziehe ich das derzeit nicht in Betracht. (Aus dem Gedächtnis zitiert). Und so klingen unerträglich viele der Dialoge. Die sprechenden Personen sind meist miteinander verwandt und eng vertraut, viele Situationen sind hoch emotional, aber die Dialoge lesen sich wie vorbereitete Verlautbarungen der Ortsuntergruppe des Zentralkomites der kommunistischen Partei von Krasnagornien.

Ich habe das Buch trotzdem zu Ende gelesen, weil mich die Geschichte fasziniert hat. Ich habe selbst Migrationserfahrung und kenne einige der beschriebenen Spannungen entweder aus eigener Anschauung oder aus dem engsten Verwandten- und Freundeskreis. Aber den Autor habe ich in mehreren Sprachen verflucht.

Nuruddin Farah: North of Dawn
Riverhead Books, New York, 2018

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Vom Bodensee in drei Dimensionen

Man kommt viel rum. Am Wochenende war ich noch in Tübingen beim Tanzworkshop bei Anne Klatt. Mit der Tanzerei ist das ja so eine Sache. Ich belächle das gern, aber ab und zu mal mache ich da begeistert mit. Und Anne macht das so gut, dass ich den inneren Buchhalter auch mal Soll und Haben sein lasse und den inneren Faun entfessle.

Die gute Truppe trug natürlich auch dazu bei, dass die zwei Tage ein tolles Erlebnis waren. Danke an Christine, Chloe, Anne, Emilien und Jörg! Immerhin habe ich mir diesmal keine Rippen geknackst wie damals beim Tanz im Museum 😉

Beim samstagabendlichen Schwimmen im Neckar hatte ich dummerweise keinen Foto dabei, dafür habe ich Sonntag früh noch Fische abgelichtet.

Sonntag Mittag musste ich dringend los, ich hatte ein Date in der Kunsthalle. Die Ausstellung über Daniel Knorr ist der Hammer! Das Date lief leider nicht so prickelnd. Die gute Frau hatte zwar auf der Dating-Website mit den 11 Minuten behauptet, sie hätte „Lust auf Leben zu zweit“, aber der Umstand, dass man dazu jemand Fremden kennenlernen muss, hat sie nach eigener Aussage überfordert… oder aber ich als Männchen verstehe das einfach nicht. Trotz gut zwei Jahren im Museum, wo Frauenverstehen zu den Grundvoraussetzungen zählt!

Womit wir endlich beim Thema wären: dem Museum Haus Dix auf der Höri. Seit der Eröffnung 2014 leitet Gabi diese Haus mit Herzblut und Leidenschaft. Wenn man mit ihr durch die Räume geht, könnte man sie für ein Mitglied der Familie Dix halten, so sehr ist sie mit allen Details vertraut. Dabei teilt sie das ganz normale Schicksal der Betriebsstätten – egal ob in der Kultur oder in der Industrie – , die weitab von der Zentrale operieren. Im HQ gibt es immer gaaanz wichtige Themen, ständig lodern neue Feuer, die gelöscht werden wollen und dass es in 250 km Entfernung auch noch Menschen mit Sorgen und Bedürfnissen gibt, geht gerne mal unter. Jetzt steht Gabi kurz vor der Rente und sorgt sich um die Zukunft des Haus Dix. Die Saison 2021 wird sie noch gewohnt souverän leiten, danach möchte sie kürzer treten. Und hier komme ich ins Spiel. Es gibt für Gabis Nachfolge schlicht keine idealere Besetzung als meinereinen! Höri, Haus Dix, Kunstmuseum – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als dort zu arbeiten. Mit Leidenschaft und Akribie. Stuttgart kann praktisch nicht anders, als mir die Füße zu küssen, dass ich diese Aufgabe übernehme. Dass das Geld kostet, wird man wohl verkraften 😉

Dienstag habe ich das Fahrrad in den Zug gepackt und bin hinunter gefahren, um die Einzelheiten zu besprechen. Die Linie wird von der SBB betrieben, die ein recht hübsches Muster auf ihren Sitzen hat:

Dieses Muster habe ich schon mal zu einem Pullover verwurstet, mit bis zu 30 Farbwechseln pro Reihe eine üble Fusselei. Für Pulli war das diesmal viel zu warm, deshalb ein altes Foto aus Stuttgart (von einem anderen fruchtlosen date):

In Singen habe ich mir noch schön das Schienbein angeschlagen, als ich das vollbepackte Rad aus dem Zug auf den Bahnsteig gewuchtet habe, der irgendwie einen guten Meter zu tief gebaut war. Dafür ging es im Seehasen ebenerdig rein und raus. Ab Radolfzell bin ich dann geradelt. Das Geschäftliche war schnell besprochen und ich bin noch durch Haus und Garten gewandert.

Hier noch Fotos aus dem Garten, um den ich mich auch geflissentlich kümmern werde:

Und wenn das nicht reicht, schau ich halt mal bei Hesse vorbei.

Übernachtet habe ich auf dem Campingplatz Höristrand, natürlich nicht, ohne eine Runde im See zu drehen.

Nach dem Abendessen mit gefiederter Gesellschaft gab es noch einen Schlummertrunk.

Die Nacht war zelt-typisch lausig. Irgendwie verstärkt so ein Zelt weit entfernte Geräusche besser, als die griechischen Theater das je konnten. Dass es regnete, war ja zu erwarten. Mit Sonnenaufgang wurde ich – nun ja, nicht wirklich wach, aber an Schlaf war nicht mehr zu denken. Das Zelt war innen uns außen nass und ich hatte auch keine Chance, das vor der Abfahrt trocken zu kriegen. Zum Trost bin ich noch eine Runde geschwommen.

Irgendwie habe ich noch die Zeit rumgekriegt, bis die Rezeption aufmachte und ich auschecken konnte. Dann ging ich auf die abenteuerliche Heimreise. 186 Kilometer hatte cycletravel ausgerechnet, für die ich zwei Tage vorgesehen hatte, mit der bewährten Taktik „am ersten Tag so weit wie irgend möglich und am zweiten Tag den Rest“. Mit dem Abstecher zum Hotel (wo das Zelt trocknen durfte) wurden dann 200 km mit 2.300 HM daraus. Wohlweislich hatte ich (für meine Verhältnisse) recht wenig Gepäck dabei. Die Höhenmeter machten mir gut zu schaffen, das kleine Blatt meiner 3fach-Kurbel wurde noch nie so viel benutzt… Mein Element Bolt hat sich auf dieser Reise hervorragend bewährt. Ich bin ja ein hoffnungloser Orientierungs-Legastheniker, aber dieses Gerät hat mich zuverlässig heim gelotst. Donnerstag Mittag gab es noch eine Stärkung im Kap (leider war meine Lieblingskellnerin nicht da, aber das hätte ich theoretisch wissen können – nett bedient wurde ich trotzdem) und kurz darauf war ich zu hause und habe erst mal 3 Stunden geschlafen. Dass ich schon lange keine Fahrten über 2 Stunden mehr mache, habe ich deutlich gespürt, sowohl beim Stoffwechsel als auch am zarten Popöchen (ich hatte natürlich verpennt, die Creme mitzunehmen).

Das Fazit der Reise:

  • Die Arbeit im Haus Dix wäre ein Traum.
  • Kuchen hilft über Regen und Höhenmeter hinweg.
  • Radler sind gut für Radler.

 

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Nie endende Pubertät

Seitdem ich wieder laufe – und das meist auf der gleichen Strecke – gebe ich mir gerne ein Hörbuch aufs Ohr. Gerne auch ein längeres, damit ich auch was davon habe. Ein gutes Hörbuch zu finden ist gar nicht so einfach. Meist findet man in den Regalen der Buchhandlungen Thriller oder eher leichte aktuelle Bestseller; für einen narzisstischen Intellektuellen wie mich kommt so etwas natürlich nicht in Frage. „Federball“ von John leCarré war ein willkommenes Highlight: auf 8 CDs wird der ganze Carré-Kosmos mit viel Liebe zum Detail zelebriert, mit der ganzen Ménagerie liebenswert kruder Psychopathen, die der Meister des Spionageromans in seinem kranken Hirn ausgebrütet hat. Seltsam nur der deutsche Titel des Buchs: alle, die diesen Sport betreiben, nennen ihn ausschließlich Badminton; auch im Roman wird immer nur dieser Begriff verwendet. Bei der Suche nach dem Englischen Original sind die Buchhändlerin meines Vertrauens und ich an unsere Grenzen gestoßen. Sucht selbst, wer mir als Erste*r die richtige Lösung schickt, darf mit mir zum Geburtstagsschwimmen 😉

Aber eigentlich wollte ich ja über Kirchhoffs „Widerkehr“ lästern. Dieses Buch beginnt langsam und angenehm und lullte mich zunächst auf tückische Weise ein. Ein alter Mann (noch (!) älter als ich) blickt auf sein langes Leben zurück, das ihm mancherlei kleine und große Schicksalsschläge verpasst hat. Auf gar wundersame Weise tritt eine geheimnissvolle Frau in selbiges und in seine Wohnung und bevor man sich’s versieht, wohnt dem Anfang ein Zauber inne und die beiden fahren im Cabrio nach Süditalien.

Schon recht bald hatte ich ein irritierendes Déjà lu. Bzw. Déjà entendu, es war ja ein Hörbuch. Ich konnte mich einfach viel zu gut in diesen alten Sack hineinversetzen. Dieses Gefühl hatte ich zuletzt bei der Schullektüre von Salingers „Catcher in the Rye“. Mit billigen Taschenspielertricks zupft der Autor an den banalen Saiten der waidwunden Knabenseele, einstmals des 16-jährigen Holden Caulfield, nunmehr des rund 50 Jahre älteren Reither, der in dem halben Jahrhundert, das ihn vom Bett im Roggenfeld trennt, nicht wirklich gereift ist. Sein Frauenbild ist erschreckend antiquiert, die Frauen im Roman werden überhöht oder karikiert, ihre Rolle ist es, „den Mann“ zu erlösen oder in’s Verderben zu stürzen. Das Peinlichste an der ganzen Affaire: damit hat er an die banalen Saiten meines alten Herzens gerührt… Als typischer Vertreter meines Geschlechts träume ich natürlich in aller Heimlichkeit (diesen Blog liest ja sowieso niemand) davon, dass eine mysteriöse Frau – an den Prüfungen des Schicksals gereift, aber immer noch über die Maßen schön -, in mein Leben tritt und es wieder mit Zauber füllt, bis dass die Demenz ihren gnädigen Schleier über Alles legt. Und das, ohne dass ich einen Finger dafür zu rühren brauche. Mit Details dieser feenhaften Erscheinung verschont uns Kirchhoff, so kann sich jedes Spät-Pubertier seine eigene Göttin zusammenfantasieren. Während Kirchhoff uns an allen noch so seichten Gedankengängen seines Helden teilhaben lässt (der auch noch ein edelmütiger Verleger war, der weder Kinder-, Koch- noch Reisebücher in seiner Verlagsbuchhandlung geduldet hatte und kurz vor dem Rentenalter von den bösen Onlinehändlern wirtschaftlich gemeuchelt worden war), bleibt die Innenwelt der Frau – die immerhin die ganze Handlung vorantreibt – im Nebel verborgen. Warum eine so edle Gestalt ausgerechnet den Jammerlappen Reither für eine spontane Italienreise in Beschlag nimmt, bleibt ein Rätsel. So haben wir Mit-Lappen die Hoffnung, dass auch uns Solches noch widerfahren könne. Am Ende geht natürlich alles den Bach runter, wie in einem Shakespeare-Drama, in dem von Anfang an die Sterne über Kreuz standen.

So weit, so banal und Herz ergreifend. Was mich aber am Meisten geärgert hat, war die literarische Hütchenspielernummer, die Kirchhoff mit ätzender Regelmäßigkeit abzieht. Alle paar Minuten gebraucht er einen Ausdruck, der seinen Verleger-Helden innehalten lässt, weil der seine Autoren für genau diese Ausdrucksweise an’s Kreuz genagelt hätte. Da räsonniert dann der Erzählte darüber, dass sein Leben wie eine Erzählung an seinem Ohr vorbeizieht und unterzieht selbige unnachgiebiger Kritik, wenn es gar zu sentimental, banal oder gefühlig wird. Aber, oh Wunder: er vergibt seinem Autor! In jedem anderen Buch wäre diese oder jene Redewendung unerträglich gewesen, aber an dieser Stelle ist sie einzig zutreffend! So feiert Kirchhoff sich selbst als Sprachgiganten, der in meisterlicher Manier auch mit schlechtem Stil große Literatur zaubert. Und das auch noch selbstgefällig kommentiert. Den Höhepunkt (!) erreicht dieses Stilmittel, als es zwischen den Hauptfiguren zum Koitus kommt. Da belehrt uns Kirchhoff auf dem Umweg über seine Verleger-Romanfigur erst darüber, dass Sexszenen in der Literatur von jeher ein Kamikaze-Unterfangen sind, dann zitiert er aus einem fiktiven Buch, das Reither mal gelesen hat, eine solche Szene, die er dann für so genial befindet, dass er die gleich mitbenutzt. Wenn’s also peinlich gewesen sein sollte, war zumindest nicht Kirchhoff schuld, sondern eine von ihm erfundene Autorin. Über den tatsächlichen Ablauf der Liebesnacht breitet er das Plumeau des Schweigens. Wobei mich schon interessiert hätte, wie ein Paar, das noch (!) älter ist als ich und sich gerade mal seit zwei Tagen kennt, auf Anhieb für beide befriedigenden Sex hat, während nebendran, nur durch einen Vorhang getrennt, ein fremdes junges Mädchen auf dem Sofa schläft. Aber vielleicht ist ja auch das Teil des Zaubers, den wir uns alle selbst wirken müssen.

 

John leCarré: Federball.
Hörbuch Hamburg

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis.
Frankfurter Verlagsanstalt 2016

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Vermes revisited

Vor einigen Jahren habe ich Vermes‘ Hitler-Buch gnadenlos verrissen – was dessen Absatz keine merkliche Delle verpasst hat. An jenem Buch störte mich vor allem der Ansatz, mit einer faktisch unmöglichen Voraussetzung eine Geschichte zu schreiben, die von vornherein keine Auflösung finden kann. Nicht, dass jede Geschichte am Ende aufgelöst werden muss; das echte Leben folgt keiner Dramaturgie und Karma findet man auch immer erst hinterher. Das Menschlein, inner- und außerhalb eines Buches, sucht halt verzweifelt nach einem Sinn, den sein Leben haben könnte, zur Not erfindet es sich einen (vgl. Monty Python). Dazu braucht man aber mehr als einen Siemens Lufthaken als Angelpunkt.

Nun hat Vermes ein neues Buch herausgebracht: Die Hungrigen und die Satten. Auf der Suche nach umfangreichen Hörbüchern für mein Lauftraining bin ich darauf gestoßen und habe es mir aufs Ohr gepackt. Bei den ersten Kapiteln war ich noch skeptisch. Die Geschichte beginnt im hoffnungslosen Elend eines riesigen Flüchtlingslagers in Nordafrika. Flüchtlingselend als Hintergrund für Unterhaltung? Das kam mir arg frivol vor. Ich blieb aber dran, vor allem wegen Nadeche Hackenbusch, der Moderatorin eines Privatsenders, die sich nach eigenen Angaben „aus kleinen Behältnissen“ zum Star einer reality-soap hochgearbeitet hat (oder so was in der Art). Nadeche und der ganze Tross des TV-Senders werden mit hingebungsvoller Bosheit in ihrer ganzen selbstverliebten Dummheit vorgeführt und Christoph Maria Herbst liest das Ganze meisterhaft.

Schnellvorlauf: der Sender schickt Nadeche für eine Reportage in das Flüchtlingslager und castet vorher telegene Menschen, denen man vor laufender Kamera Gutes tun kann. Dabei tut sich ein junger Mann durch sybillinische Sprüche hervor, z.B. dass dem Löwen, der dich jagt, dein Name egal sei. (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, beim Hörbuch kann man leider schlecht nachschlagen). Schnell hat er die Bezeichnung „Löwenmann“ weg, aus der spontan Lionel wird. Wie er wirklich heißt, erfahren wir nicht. Nadeche wird von den Zuständen im Lager so überwältigt, dass sie allen Ernstes und nicht nur für die Quote helfen will. Lionel ist immer an ihrer Seite. Noch-schnellerer Vorlauf: 150.000 Menschen aus dem Lager brechen zu Fuß auf nach Deutschland, generalstabsmäßig versorgt von einer Schleuserorganisation, die mit einer Flotte LKW jeden Tag Lebensmittel und Wasser heranschafft sowie Generatoren und WLAN-Posten, damit die Flüchtenden ihren Obolus von 5 Dollar pro Tag per Handy auch entrichten können. Selbst Dixi-Klos werden herangekarrt. Das TV-Team immer mittendrin. Nadeche und Lionel werden ein Paar und der Löwenmann gewöhnt sich schnell daran „mit deutscher Gründlichkeit geküsst“ zu werden.

Derweil spitzt sich die Lage in Deutschland zu. Nachdem der Treck der Wanderer jede Grenze problemlos überquert (weil die jeweilige Lokalregierung darauf vertraut, dass er bald wieder weg ist), muss sich die Politik damit zurecht finden, dass die Menschen tatsächlich bald an der Deutschen Grenze stehen. Man erwägt allen Ernstes, sie mit Waffengewalt zu stoppen. Die Debatten darüber gehören für mich zum besten Teil des Buches. Der Innenminister Joseph Leubl (für den alleine der Sprecher Herbst einen Oskar verdient hätte), prescht an einem Punkt vor mit der Ansage, man werde die Menschen in’s Land lassen. In einer hochemotionalen Ansprache legt er schlüssig dar, dass es keine moralische Alternative dazu gebe und zeigt ganz nebenher auf, wie Europa mit einer gezielten Migrationspolitik seine demographischen und wirtschaftlichen Probleme lösen kann.

Das wird in der Bevölkerung nicht gern gehört. Rechte Gruppen formieren sich, die Proteste eskalieren. Als der Treck immer näher kommt, tauchen aus dem Nichts radikale, bewaffnete und bestens organisierte „Bürgerwehren“ auf, die vor keinem Gewaltexzess zurückschrecken. Das Buch ist im August 2018 erschienen. Was Vermes hier bezüglich der Radikalisierung, Entschlossenheit und Gewaltbereitschaft der Rechtsextremen im Lande beschreibt, wirkt bedrückend prophetisch. Die Geschichte steuert dann auf ein gewaltsames Ende zu. Entgegen der klassichen Hollywood-Dramaturgie scheut sich Vermes nicht, seine Protagonisten erbärmlich verrecken zu lassen – anders kann ich es nicht sagen. Am Ende bleibt nur Nadeches Ex-Mann, der ihr Andenken versilbert. Jahre später kommt es dazu, dass Leubls Vision doch noch erfolgreich umgesetzt wird.

Ich habe das Buch mit Faszination und Anteilnahme gehört. In den letzten Kapiteln kippte es für meinen Geschmack zwar von konstruiert, aber glaubhaft, zu bemüht konstruiert. Trotzdem eine erstaunlich unterhaltsame Auseinandersetzung mit den schwierigen Themen Migration und Rechtsextremismus.

Und demnächst rechne ich mit Kirchhoff ab.

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten. Eichborn, 2018.

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Was für ein larmoyanter Scheiß – warum ich mich schäme, ein alter weißer Mann zu sein

Die Besprechung des Buches kommt noch. Aber die Überschrift ist doch schon mal geil, oder? Aber auch nur zur Hälfte wahr. Ich bin ein alter weißer Mann, aber das macht mir nix aus. Medizinisch ist das bekackt, aber ich schäme mich nicht dafür. Aber Bodo Kirchhoff sollte das tun. Sein Versuch, Holden Caulfield zum Helden einer griechischen Tragödie zu stilisieren, ging so was von in die Hose. Details demnächst. Aber bevor ich Kirchhoff zerlege, muss ich erst noch Vermes rehabilitieren. Sein Hitler-Buch habe ich ja seinerzeit in Grund und Boden verrissen, aber „Die Hungrigen und die Satten“ hat mich begeistert.

Stay tuned!

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Zu Hause im Dschungel

Ende 2019 habe ich mich zur Unruhe gesetzt. Zwei Jahre im Kunstmuseum Stuttgart waren aufregend und spannend, aber am Ende des Tages selbst für mich zu blond. Und außerdem starte ich 2020 in der AK M60, da muss ich auftrainieren! Wer weiß, ob ich in 10 Jahren noch Lust dazu habe. Oder inzwischen irgendeinem Unfug zum Opfer gefallen bin. Im Januar habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet und bin dort quasi eingezogen, bis dann Mitte März Schluss mit lustig war. Seither hopple oder radle ich wieder an der frischen Luft, obwohl bei schönem Wetter die Einhaltung von 2 Meter Abstand die Slalomkünste einer Rosi Mittermaier erfordern. Auf dem Neckar-Radweg zwischen Marbach und Ludwigsburg-Hoheneck gibt es zeitweise Blockabfertigung. Mein genialer Plan, die AK 60 aus dem Stand aufzurollen, hat sich damit schon vor Saisonbeginn erledigt. Die anderer Hobbyletten haben dieses Jahr auch Trainings-Kilometer ohne Ende… An den Ruhetagen widme ich mich der Handarbeit. Nach dem Pullover im Muster der Seehasen-Bahn Singen-Radolfzell wurde auch der Regionalbahn-Pullover fertig, bevor der Frühling endgültig ausbrach:

 

Nach dem Ende meiner Karriere als Sesselfurzer hatte ich eine schöne Sammlung an Selbstbindern übrig, für die ich auch schon eine Idee hatte. Im Stoffgeschäft meines Vertrauens kaufte ich einige Meter Futterstoff und Bügelvlies und machte mich an die Arbeit. Den ersten Prototyp schneiderte ich aus zwei Krawatten, um die es nicht arg schade war:

Dilb

Mit der Erfahrung aus diesem Projekt wagte ich mich an die edleren Stücke mit den Dschungel-Motiven. Eines davon habe ich während meiner italienischen Phase in Verona gekauft, das andere während meiner vorgetäuschten Hochzeitsreise in Windhoek. In Wirklichkeit war ich in Windhoek zu einem Vorstellungsgespräch gewesen, das wollte ich meinem damaligen Chef aber nicht auf die Nase binden. Und weil ich in der Woche zuvor geheiratet hatte, habe ich ihm erzählt, wir hätten die Hochzeitsreise gewonnen, die der Regensburger Kaufleuteverband für das schönste Brautpaar des Jahres ausgelobt hatte. (Als ich ein Jahr später gekündigt habe, fragte ich, ob er das denn geglaubt hätte; er sagte ja. Dabei war der nicht mal blond!) Ich hatte allerdings riskiert, dass mein Chef meiner Frau über den Weg läuft, mit der ich vorgeblich am Flittern war. In dem Fall hätte ich mich damit herausgeredet, dass die schon mal in Afrika war…

Die Entstehung der zweiten Weste habe ich in einem „making of“ Video dokumentiert. Unter Verwendung eines Stativs und zweier Kameras im Wechsel (wegen Akkulaufzeit) entstanden knapp 100 Minuten Videomaterial. Weil nach der Kjartansson-Ausstellung kein Schwein den Nerv hat, sich das anzusehen, haben ich nach der Schneider- die digitale Schere angesetzt und weite Teile auf 4-fache Geschwindigkeit beschleunigt. Hier das Werk:

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