Der Wassermann

Im August soll am Neckar ein Aktionstag stattfinden, zu dem auch die Schwimmer eingeladen sind, einen Beitrag bei zu steuern. Martin und Bert wollen synchronschwimmen; für mich war das die lang ersehnte Ausrede, endlich einen Fischschwanz zu kaufen. Mermaid Kat hat so was im Angebot. Die einzige Schwierigkeit war die Größe – üblicherweise wird so etwas von Teenagern nachgefragt. Eine freundliche Frau am Telefon versicherte mir jedoch, der Stoff sei sehr elastisch, und so bestellte ich die größte verfügbare Größe. Nach wenigen Tagen kam ein flaches Paket mit einer Monoflosse und einem Hauch von Stoff. Die erste Anprobe im heimischen Schlafzimmer bestätigte, dass alles reinpasst, was rein soll. Zur Sicherheit zog ich aber noch eine Kordel ein, damit auch bei Strömung alles drinbleibt.

Das Kostüm war also geklärt. Blieb die Frage, was damit anfangen? Und wie, bitte schön, schwimmt man mit einer Monoflosse? Ich fragte erst mal höflich nach und erhielt von den Schwimmmeistern im Freibad die Erlaubnis, mit dem Teil in’s Wasser zu gehen, wenn wenig Betrieb ist. Nach einigen Tagen war ich tatsächlich in der Lage, die Flosse im Wasser sicher an- und auszuziehen und damit unfallfrei zu schwimmen. Eine Nasenklammer für Tauchen in Rückenlage vervollständigte die Ausrüstung. Der nächste Schritt war dann das Anlegen des Fischschwanzes. Das Kostüm ist ziemlich empfindlich und man sollte es am Besten im Wasser anlegen, und ohne dabei mit der Flosse an Beckenrand oder -boden zu ballern. Wenn man mit den Füßen in der Flosse drin ist und diese festgezurrt hat, schlabbert der ganze Stoff um die Knöchel und man darf ihn gaaaanz vorsichtig bis zum Wanst hochrollen und dann dort festbinden. Mittlerweile habe ich auch das gut drauf und habe eine Freundin gebeten, ein paar Fotos zu machen. Im ersten Anlauf sind wir aufgelaufen, weil im allgemeinen Badebetrieb Fotografieren auf’s Strikteste verboten ist. Beim abendlichen Vereinsschwimmen hat es schließlich geklappt, hier das Ergebnis:

Fotos: Katja Fischer

Der Fischschwanz war an diesem Abend die absolute Attraktion im Becken. Auch zwei Feundinnen probierten ihn aus und zogen bald anmutig ihre Runden.

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Algarve, die Dritte

Seit drei Jahren erkunde ich schon Stück für Stück die Algarve. Auch mit dem Gedanken, mich da eventuell dauerhaft nieder zu lassen. Freundliche Menschen, angenehmes Klima, gute Küche und viel Wasser, das sind meine Parameter für einen Wohlfühlort. 2019 war ich in Sagres. Wunderschön, aber arg am Ende der Welt. Nach Coronapause war ich Ende 2021 für drei Wochen in Faro, inklusive einer Woche Sprachschule bei CIAL. Mit 61 zur Schule zu gehen ist eine nette Herausforderung. Die Lehrkräfte waren auch richtig streng, haben auf korrekter Aussprache und Rechtschreibung bestanden, bis hin zur Verwendung von Akzenten! Der Strand von Faro ist ein Traum, ewig lang, feiner Sand und schöne Muscheln. Bevor ich mich festlege und ~setze, wollte ich noch die Felsalgarve näher erkunden, mit ihren instagrammierbaren Buchten und Klippen. Lagos war dafür ein gutes Basislager.

Mo. 9.5. Anreise

Die Anreise erfolgte wieder über den Flughafen Faro. Im Landeanflug kommt mir die Stadt schon gut bekannt vor, ich erkenne die Orte, die ich mit dem Rad abgeklappert bzw. beschwommen habe. Nach knapp zwei Stunden Transfer komme ich abends im Hotel an. Check-in, Abendessen und ab in’s Bett, es ist schon ziemlich spät.

Di. 10.5. Geburtstag

Erst mal ein Fahrrad mieten, man will ja mobil sein. Mein Hotel ist etwas außerhalb der Stadt, Richtung Süden zur Ponta de Pietade, einer Landspitze mit Leuchtturm und vielen kleinen Badebuchten. Zu Fuß bin ich in 20 Minuten in der Stadt, die anscheinend viele Graffiti-Künstler anzieht, und finde einen kleinen Radverleih. Der freundliche Hempel hat ein recht gutes Rad, nur die Bremsen sind abgelutscht und die Reifen auf der letzten Rille. Fast kriege ich das Rad nicht, weil ich es nachts nicht reinstellen kann. Immerhin liegt mein Hotel außerhalb und nicht an einer städtischen Partymeile. Der Hempel hat ein Einsehen und gibt mir ein extra fettes Schloss dazu. An der Rezeption biete ich meinen ganzen Charme auf (der vor allem darin besteht, dass ich als einziger Touri ein wenig Portugiesisch kann). Die Rezeptionistin legt sich voll ins Zeug und besorgt mir eine Zugangskarte für die Tiefgarage eines Partnerhotels, 300 Meter weiter.

Dann erkunde ich das Meer, dazu bin ich ja in erster Linie hier. Die Praia da Dona Ana ist fünf Minuten vom Hotel entfernt. Es ist eine der größeren Buchten, mit Strandcafe und Rettungsschwimmern. Nach meinen Erkundungen am Rechner müsste man von hier zur nächsten Bucht schwimmen können, der Praia do Camilo. 62 Hektometer am Stück schaffe ich bei knapp 18 Grad nicht, aber 62 Dekameter sollten es schon sein. Damit bin ich sogar weiter als zur Nachbarbucht und schwimme wieder zurück. Ich gewöhne mich recht schnell an das Schwimmen im Meer, mit Salzwasser, Seegang und reichlich Verkehr. Geführte Kayak-Gruppen und motorisierte Sightseeing-Boote sorgen für Abwechslung. Gut, dass ich meine Boje dabei habe! Wieder im Hotel studiere ich wieder die Küstenlinie auf Google Maps. Dort sind viele kleine Buchten verzeichnet, die ich in der echten Natur nur schwer finden kann, so steil ist das Gelände. Aber mit etwas Geschick müsste es doch möglich sein, Stück für Stück die Küste entlang zu schwimmen!

Mi. 11.5. Erkundung

Dank Zeitumstellung wache ich so früh auf, dass ich vor dem Frühstück joggen gehe. Ich erkunde die Strände von oben und frage mich weiterhin, wie man da rauf oder runter kommen soll. Ich versuche mein Glück, schwimme von Camilo los. Die Praia da Balança ist vom Meer aus gut zu sehen, aber immer noch kein Ausstieg erkennbar. Ich gehe auf gut Glück an Land, sehe einen steilen Canyon mit Fußspuren, offenbar ist das der Ausgang. Aber erst einmal lasse ich mich von der Sonne wärmen. Dann kraxle ich nach oben, mit Händen und Füßen geht es durch einen schmalen Spalt. Ganz oben muss ich noch einen hohen Absastz überwinden, dann bin ich raus. Dieser Strand ist die Schlüsselstelle für die weitere Tour, es ist der letzte vor der Landspitze. Von hier bis zum ersten auf der anderen Seite sind es rund 1.200 Meter, dazwischen gibt es nur schroffe Klippen.

Do. 12.5. Radeltour

Im Westen von Lagos gibt es zwei Dörfer, die nach der Papierform idyllisch sein könnten: Luz und Burgau. Ich radle los und sehe mir die mal an. Leider sind beide Orte fest in englischer Hand. Krebsrote Greise, die aussehen wie aus einem der dystopischeren Romane von John LeCarré, grüßen sich lautstark mit markigen Sprüchen und versichern sich gegenseitig ihres Wohlergehens. Das Empire ist noch lange nicht tot… In Luz war es mir zu windig zum Schwimmen, in Burgau bin ich doch noch 10 Minuten ins Wasser gegangen.

Fr. 13.5. Untauchlich

Heute sollte ich meine Tauchkenntnisse auffrischen. Leider hat der Instruktor gestreikt, nachdem ich die Gesundheitsfragen wahrheitsgemäß ausgefüllt hatte. Jetzt muss ich zur Untersuchung nach Alvor, bevor ich unter Wasser darf. Dafür bin ich noch mal an der Praia do Camilo geschwommen, der kleineren Bucht neben Dona Ana. Hier gibt es die malerischen Felsen im Wasser mit den Spalten zum Durchschwimmen. Am Dienstag hatte ich mich das noch nicht getraut. Heute ist die See ruhiger und ich kenne die Verhältnisse auf beiden Seiten des Felsens. Leider muss man eine Nummer ziehen. In der Felsenge stauen sich zweiunddrölfzig Kajaks und 4 Motorboote. Als ich endlich durch war, kam noch ein halbes Dutzend Chaoten auf Jetskiern an und machte Ramba-Zamba. Aufgewirbeltes Wasser und Abgase versauen den Weg zurück zum Strand. Später stelle ich fest, dass die Videos nichts geworden sind. Einmal schlecht gedrückt und ab da habe ich gestoppt, wenn ich starten wollte und umgekehrt. Na ja, ich habe ja noch ein paar Tage, um das nochmal zu versuchen.

14.5. Längere Etappe vor dem zweiten Frühstück

Bevor ich mich an die lange Etappe um die Ponta de Pietade wage, übe ich erst mal an einer längeren Etappe mit mehreren Notausgängen. Nach dem ersten Frühstück wandere ich rein nach Lagos, gut 20 Minuten. Am Hafen die große Frage: innerhalb oder außerhalb der Kaimauer losstarten? Innerhalb ist es ruhiger zum Reingehen und außerdem kommt es mir irgendwie heldenhaft vor, aus dem Hafen raus in’s offene Meer zu schwimmen. Als ich endlich fertig aufgebrezelt bin und das Vor-Schwimm-Foto geschossen habe, wollen plötzlich alle Boote der Algarve (plus einige auswärtige) aus dem Hafen raus. Sollte da nicht wegen Bauarbeiten gesperrt sein? Ein riesiger Schwimmbagger macht sich in der Fahrrinne wichtig. Ich sehe, dass die Schiffe auf der linken Seite bleiben, rechts ist kein Verkehr, dafür branden da die Wellen gegen die Mole. Ich peile eine Minute lang die Lage und schwimme dann los. Aus dem Hafen raus ist tatsächlich heldenhaft! Hinter der Mole beginnt sofort eine kräftige Dünung. Immer wieder taucht der Arm in Luft statt in Wasser, weil die Welle gerade unter mir durch läuft. Ich gewöhne mich langsam an die Verhältnisse und versuche, eine gerade Linie auf einen markanten Felsen zu zu schwimmen; dabei behalte ich aufmerksam den Bootsverkehr im Auge. Zu meiner Freude komme ich tatsächlich voran und erreiche den Felsen schneller als erwartet. Der Blick vom Meer auf die Steilküste ist fantastisch, ständig wechseln sich zerklüftete Felsformationen ab. Nach rund 30 Minuten sehe ich meinen Notausstieg, die Praia do Pinhao. Ich fühle mich aber noch gut in Form und steuere auf mein eigentliches Ziel zu, die Praia da Dona Ana. Das weitere Sekundärziel Praia do Camilo ist zwar in Sichtweite, der Felsen davor (mit dem großen Loch in der Mitte) ist aber inzwischen von einer Schar Ausflugsboote und Kajaks regelrecht belagert. Deshalb biege ich rechts ab Richtung Strand. Die Brandung ist überschaubar, man kommt recht sicher aus dem Wasser, nur meine Boje fliegt mir dauernd von hinten um die Ohren. Ich ziehe noch einen fetten Holzbalken aus der Gischt und überreiche ihn dem verdutzten Rettungsschwimmer. Von Dona Ana bin ich in fünf Minuten zurück im Hotel, wo die Kellner gerade anfangen, das Frühstücksbuffett abzubauen. Ich lasse mir schnell einen Kaffee aus dem Automaten, grabsche mir ein Pastel de Nata und ruhe mich erst mal aus.

Am späten Nachmittag jogge ich noch ein Stück die Küste entlang und begutachte die Landmarken sowie die Ausstiegsstelle für die nächste Etappe.

So. 15.5. Ruhetag

Heute kein großes Programm, nur eine kleine Runde an der Praia do Camilo. Ich bin früh dran (kurz nach 9) und fast alleine. Die Ebbe ist erst seit kurzem vorbei. Bei solchem Niedrigwasser hatte ich die Bucht noch nie gesehen. Viele Felsen ragen aus dem Wasser, über die ich in den Tagen zuvor ahnungslos drübergeschwommen bin. Das Seegras liegt in hohen Haufen entlang der Hochwasserlinie. Später wird eine ortsunkundige Frau bis zu den Knien darin versinken. Auch im Wasser viel Seegras. Es dauert eine Weile, bis ich kapiere, dass das da nicht einfach so rumgeschwemmt wird, sondern richtig da wächst. Beim Losschwimmen die große Überraschung: das Wasser ist heute glasklar und ich sehe zum ersten Mal Fische, sogar richtig viele! Diesmal komme ich besser mit der Kamera zu Recht und dokumentiere meinen Weg durch das Felsloch. Und durch ein zweites, das nur bei Niedrigwasser sicht- und passierbar ist. Gegen 1/2 10 Uhr kommen die ersten Boote und Kajaks an, ich mache mich aus dem Staub, bzw. Sand.

Gegen Mittag dann Pannenyoga. Die Holländer waren alle in’s Gebirge aufgebrochen, die Terasse beim Pool war leer. Ich schleppte den Laptop, die Bluetooth-Kopfhörer und das Strandtuch runter und startete Mady Morrison. Die ersten Minuten lief das ganz gut, dann kamen komplizierte (Achtung: Angebersprech!) Asanas, die ich noch nicht kannte. Ich lauschte Madys sanfter Stimme in den Kopfhörern, konnte mir aber keinen rechten Reim darauf machen, wohin alle diese Körperteile jetzt gestreckt werden sollten. War der linke Fuß nicht gerade in großem Schritt nach hinten gestellt worden? Und sollte jetzt plötzlich ganz woanders sein? Ein Kontrollblick auf den Laptop – der im Schatten auch nur schlecht zu sehen war – stärkte meinen Verdacht, dass Mady keine Ahnung hatte, was sie da tat; jedenfalls stand sie ganz anders da, als ich seitlich kniete 😉 . Kurz danach brachen neben meinen Bauchmuskeln auch noch die Kopfhörer zusammen. Auch nach zweimaligem Ein- und Ausschalten und neu Verbinden war der Ton bald wieder weg. Die ganze Konzentration, der Flow, waren dahin. Technikärger versaut jede Entspannung. Ich setzte mich nochmal hin, verbeugte mich vor mir selbst, dankte mir für meine Yogapraxis und schleppte mein Geraffel fluchend wieder in’s Zimmer.

Am späteren Nachmittag habe ich nochmal Schnorchel, Flossen und GoPro eingepackt und bei Camilo geschnorchelt. Durch Sardinenschwärme getaucht. Der Strand ist am Sonntagnachmittag rappelvoll, das hatte ich befürchtet. Wie mag das da erst im Sommer zugehen? Bei halbwegs Flut liegen die Leute dicht an dicht unter den absturzgefährdeten Klippen. Um die Felsen im Meer könnte man trockenen Fußes spazierengehen, so hoch ist die Kajak-Dichte. Ich halte mich abseits dieses Trubels, habe auch meine gute Schwimmboje dabei, trotzdem säbelt mit ein Nasenbär beinahe das Ohr ab mit der Flosse seines SUPs. Die Boje habe ich mit Karabiner am Gürtel befestigt, damit ich auch mal tiefer tauchen kann. Beim ersten Versuch denke ich natürlich nicht daran und wundere mich, dass ich nicht runterkomme. Beim zweiten Abtauchversuch hake ich die Boje aus und gewinne erfolgreich an Tiefe.

Mo. 16.5. Königsetappe

Gleich nach dem Frühstück packe ich mein Schwimmzeug und wandere zur Praia da Balança, bewusst gemächlich, damit ich nicht schon völlig atemlos am Start ankomme. Der Abstieg durch den schmalen Canyon zum Strand ist trickreich. Jetzt den Knöchel verstauchen wäre blöd. Es ist Ebbe und der ganze Strand ist von angeschwemmtem Seegras bedeckt. Ich erkunde eine Spur zum Wasser, ziehe mich um, verstaue alle Klamotten in der Boje und wandere los. Am Wasser setze ich die Schwimmbrille auf und taste mich vor. Auch hier dichtes Seegras, angewachsen und angeschwemmt harmonisch miteinander schwappend. Das Gras verdeckt komplett die Steine, die hier liegen, eine tückische Kombination. Wenn ich mit einem Fuß zwischen zwei Steinen hänge und eine Welle mich aus dem Gleichgewicht bringt, kann das übel enden – Steigbügelbruch nannte man das zu Zeiten, als Reitunfälle noch Alltag waren. Schließlich erreiche ich hüfttiefes Wasser. Ich gehe kurz in die Hocke, um die sonnenverbrannte Wampe an die Temperatur für die nächste knappe Stunde zu gewöhnen und schwimme los. Beziehungsweise versuche es. Beim ersten Zug greife ich wieder auf Fels. Vorsichtig ziehe ich mich noch mehrere Meter über die Steine, bis ich richtig schwimmen kann. (Also das, was bei mir unter „richtig schwimmen“ läuft). Die erste Sichtmarke, zwei große Felsen im Meer, sind viel näher, als ich nach Karte erwartet hätte, zumindest sieht es so aus. Angesichts der heutigen Strecke, vor der ich Respekt habe, schwimme ich zügig und mit wenig Fotopausen. Ein verirrter Trupp SUPler ist gerade am durchsuppen zwischen den Felsen, ich schwimme lieber außenrum. Zwischen den Felsen sehe ich Steine und Wellen, für Schwimmer eine ungeschickte Kombination. An der Außenseite die nächste Überraschung: ein paar Taucherflossen stehen senkrecht aus dem Wasser und verschwinden dann in der Tiefe – offenbar ein Freitaucher. Ich hoffe mal, dass das kein wildgewordener Harpunenfischer ist, der hemmungslos auf alles ballert, was da zappelt. Ich mache einen Bogen rundherum und zwei Fotos. Vom Taucher die ganze Zeit keine Spur, obwohl der eigentlich mal Luft holen müsste. Hinter den Felsen wird der Seegang stärker, aber nicht sehr. Bald bin ich querab vom Leuchtturm. Noch 50 Meter und ich umrunde die äußersten Felsen. Ab hier schwimme ich in einer gemächlichen Dünung an der Südküste entlang. Mit einem Fischer verständige ich mich per Handzeichen darüber, wo ich längs kann, ohne am Haken zu enden. Ich pflüge durch riesige Sardinenschwärme, während sich die Möwen an diesem Frühstücksbuffett bedienen. Wer oder was ernährt sich eigentlich im Meer von Sardinen? Ist ein Schwimmer für die Raubfische zu groß, oder eine willkommene Abwechslung? Die Felsküste ist spektakulär, von Höhlen und Löchern durchzogen. Ich halte mich in respektvoller Entfernung, die Wellen klatschen eindrucksvoll an den Fels, da muss ich nicht mitspielen. Durch eine Spalte sehe ich den gelben Sonnenschirm am Anlegeplatz für mutige Boote.

Nach rund 1.100 Metern sehe ich die Praia do Barranco do Martinho, die erste Bucht, an der ich aussteigen könnte. Ich sehe aber auch, dass die Praia do Canavial erreichbar aussieht und dass dort Menschen am Strand sind; von dort kommt man wohl deutlich einfacher hoch zum Wanderweg. Ich fühle mich noch fit und nicht unterkühlt und schwimme weiter. Am Ende wird es doch anstrengend. Der Anfang des Strandes ist felsig, also schwimme ich zum sandigeren Bereich. Auch bin ich ziemlich weit vom Ufer weg. Langsam werden die Arme schwer, aber nach 54 Minuten und 1.8xx Metern habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich frage den nächstbesten Engländer, wie man zu Fuß von diesem Strand wegkommt. Für einen Engländer reagiert er überaschend überrascht, weist mir aber den Weg. Außer diesem Engländer sind noch drei weitere Leute am Strand.

Nachmittags bin ich nochmal mit dem Schnorchel losgezogen, diesmal bei Dona Ana. Auch Montagnachmittag sind Kajaks ohne Ende unterwegs. Abtauchen wird schwierig, weil ein starker Wind die Boje in den 17 Sekunden, die ich unten bin, gefühlte 500 Meter weiter weht.

Di. 17.5. Mit dem Rad nach Portimao

Dr. Google hatte mir eine Route rausgesucht, der ich zunächst nicht recht traute, weil sie über die Bundesstraße ging. Aber eine kurze Suche ergab keine Alternative, also habe ich mir das angeschaut. Es war tatsächlich fahrbar, der Seitenstreifen war breit genug und überwiegend sauber; nur die Abgase waren lästig, wenn mal ein fetter Laster oder ein kreischender Zweitakter vorbeikamen. Am ersten Kreisel traf ich auf zwei Pferdefuhrwerke. Die Bauweise kannte ich aus dem Senegal: eine Achse mit zwei Autorädern dran, darüber eine hölzerne Ladefläche mit Brettern als Bordwände und einem Sitz für den Fahrer. Auf der Ladefläche saß eine alte Frau, die mir in voller Fahrt frisch gesammelte Schnecken verkaufen wollte. Ihre Hautfarbe war eindrucksvoll (die der Frau, nicht der Schnecken). Ich überlegte, ob sie auf maurischen Vorfahren, viel Bewegung an der frischen Luft oder einem fragwürdigen Verständnis von Körperpflege beruhte und kam zu dem Schluss: die Mischung macht’s.

Kurz vor Portimao wurde es doch noch ungemütlich. Der Seitenstreifen endete und ich fuhr einige hundert Meter auf der Bundesstraße, bevor ich in einen Feldweg abbog und durch die Vororte zum Hafen weiterfuhr. Pastelmäßig kann ich von Portimao nur abraten. Der erste Laden hatte gar keine, der nächste hatte welche, die zwar von enormer Größe, dafür bemäkelnswerter Konsistenz waren. Das Museum hingegen ist einen Besuch wert. Warum an dem Tag freier Eintritt war, habe ich nicht verstanden, aber als Gastschwabe zu schätzen gewusst. Der Rückweg war reichlich mühsam, Radeln bei Hitze macht echt keinen Spaß.

Abends ging ich nochmal schwimmen. Gegen 6 Uhr sind kaum noch Ausflugsboote unterwegs. Ich erkundete die entfernteren Ecken der Bucht am Strand von Camilo und fand Löcher und Höhlen, die ich bisher übersehen hatte. Reinzuschwimmen ist ein bisschen tückisch. Je enger der Durchlass, umso heftiger wirft einen die kleinste Welle umher. Wenn dann noch Felsen unter Wasser sind und man sich in klassischer Möbelfußmanier die Zehen dran anhaut, braucht es große Schauspielkunst, um auf dem Selfie glücklich zu grinsen; was man dabei von sich gibt, hört ja niemand.

Mi. 18.5. Westward ho!

Ich wache um 20 nach 6 auf und beschließe, in den Sonnenaufgang zu schwimmen. Beschließen ist das falsche Wort, ich bin einfach noch zu müde, um mich davon abzuhalten. Zehn Minuten später bin ich mit geputzten Zähnen in der Senkrechten und habe den Beutel geschnürt, nach weiteren 10 Minuten stehe ich am Strand. Die Sonne war natürlich viel schneller und stand schon ziemlich hoch. Nur mit viel Geschick konnte ich ein paar Fotos mit Frühmorgen-Touch schießen.

Nach dem Früstück gings zur letzten planmäßigen Etappe im Westen, von der Praia do Canavial zur Praia de Porto Mós. Danach müsste man knapp 3 km schwimmen, bevor man an der Praia da Luz wieder an Land käme, das war mir allein zu riskant. An Canavial war nicht viel los, der Abstieg ist zwar befestigt, aber relativ beschwerlich. Eine Einheimische, die gerade hochkam, zischte mir ominös beschwörend zu: „Is dangerous!“ Davon ließ ich mich nicht beirren und ging ungefähr zu der Stelle, wo ich am 16. angelandet war. Die Wellen waren zwar harmlos, aber mit der Boje im Schlepptau nur mühsam zu überwinden. 100 Meter weiter draußen ging es dann einigermaßen zu schwimmen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, nicht recht voran zu kommen. Ich hatte Wellen von vorn und es kam mir vor, als gebe es auch eine Strömung. Schließlich landete ich zwischen den Surfern in Porto Mós an und wanderte zurück zum Hotel.

Do. 19.5. Halbzeit

Halbzeit, Ruhetag. Ich gehe in die Stadt, kaufe Kork-Flip-Flops und Bücher. Abends paddle ich gemütlich durch die Felsen bei Camilo. Zum wiederholten male versuche ich, aus dem Wasser auf einen Felsen rauf zu klettern, aber außer aufgeschürften Füßen bringt das nichts. Danach stürze ich mich noch wagemutig in den Hotelpool und ziehe vier Bahnen.

Fr. 20.5. Große Querung

Karma: in der Altstadt von Lagos, verkehrsberuhigt, ich rolle mit dem Rad langsam und vorsichtig runter, da hupt hinter mir einer. Ich nutze eine Lücke und lasse ihn vorbei – wenn’s ihn glücklich macht. Der Aufmachung nach ein deutscher Althippie im R4, mit Bierbauch, Haremshose und Zausel-Pferdeschwanz. An der nächsten Kreuzung muss er abbremsen, ich fahre auf 2 cm auf. Er tastet sich um die Kurve und steht vor einem Müllwagen oder so. Da stand er wohl eine Weile, während ich mich durch eine andere Gasse davon schlängelte.

Heute steht die letzte tückische Querung an, von der Praia da Batata zur Meia Praia. Es hat ordentlich Wellen. Mit der Boje überm Kopf stemme ich mich gegen einen Brecher nach dem anderen, bis ich schließlich losschwimmen kann. Es geht zu wie in der Achterbahn. Dazu quere ich jetzt die Hafeneinfahrt und gebe mächtig Gas. Bei dem Seegang ist ein Schwimmer leicht zu übersehen, selbst mit Boje. Aus meiner Froschperspektive sehe ich selbst Segelschiffe nur, wenn sowohl das Schiff als auch ich gerade oben auf dem Kamm sind. Danach ruhigeres Schwimmen, bevor es 100 Meter vor dem Strand wieder in die Waschmaschine geht.

Sa. 21.5. Wanderung

Der Wetterbericht verheißt Wolken und Wind, weniger Hitze. Ich teste mal die Route 29 aus dem Rother Wanderführer Algarve. Spoiler: diese Wanderung kannste vergessen! Mit dem Fahrrad nach Mexilhoeira. Ich muss mir mal die Aussprache dieses Orts anhören. Odiáxerre kann ich schon. Faro oder Lagos sind phonetisch wesentlich einfacher. Laut Beschreibung startet die Tour am Bahnhof. Der ist an der Landstraße sogar ausgeschildert, also nehme ich die Ausfahrt. Nach 200 Metern die Straße runter läuft die Bahnlinie quer. Am Übergang steht ein Gebäude von der Größe einer Hundehütte für eine Bernhardinerfamilie. Von Radabstelldingens keine Spur, also rolle ich noch 200 Meter, bis ich ein Straßenschild finde, wo ich das Rad anschließen kann. Ab hier gehe ich zu Fuß weiter, zunächst durch eine Siedlung aus 10 Häusern oder so, die von 20 Hunden bewacht werden, welche gerade eine Besprechung abhalten. Einige der Hunde sind offenbar schwerhörig. Am Ende der Siedlung geht es links ab, an einem übel müffelnden Straßengraben entlang. Das letzte Anwesen sieht nach einer Mischung aus Landwirtschaft und Industrie aus, womöglich irgendwas mit Salz. Hinter der Umfassungsmauer steht ein mächtiger Linde-Gastank, daneben ein Verdampfer, der angesichts der Vereisung mächtig am Verdampfen ist. Danach ziehen sich rechts riesige Überschwemmungsflächen hin, die jetzt bei Ebbe nahezu leer sind. In weiter Ferne eine Gruppe Flamingos, dazu einige kleinere Vögel. So Dingens, mit Federn und langen Beinen und spitzem Schnabel, aber nur 1/4 so groß wie Störche. Die fliegen Scheinattacken auf eine Möwe, die ungerührt vor mir den Weg entlang läuft. Links des Wegs riesige Pferdekoppeln im hügeligen Gelände. Alles mit einer dicken Staubschicht überzogen. Wenn mal ein Auto vorbeikommt, dauert es fünf Minuten, bis sich der Staub wieder gelegt hat. Alle fünf Minuten kommt übrigens ein Auto vorbei. Endlich komme ich zur Lagune. Auf einem alten Deich, der laut Plakette gerade wieder instand gesetzt wird, kann man um ein Stück Wasser rumlaufen. Das absolute Highlight der Wanderung: eine Unmenge Krabben, die im Sand so Krabbensachen machen: mit einer Schere winken oder Sand zu Bällchen rollen. Nur dumm, dass die sich in einem Sekundenbruchteil eingraben, wenn man näher kommt. Schließlich setze ich mich ruhig auf einen Stein und warte. Nach zwei Stunden kommen die Mistviecher wieder aus ihren Löchern, winken und rollen Sand. Ich teste die Tele-Fähigkeiten meines neuen Telefons. Ergebnis: 4x kriegt es hin, für 10x braucht man ein Stativ, das wird sonst nix. Das sehe ich aber erst Stunden später am Rechner. Danach geht es noch eine gute halbe Stunde (oder sechs vorbei fahrende Autos lang) über einen staubigen Weg zurück.

Im Zentrum von Mexilhoeira finde ich ein offenes Cafe, aber keine Pastel de Nata. Also nehme ich ein Pastel de Cabalhau, dazu aber Bier statt Cafe. Die Rückfahrt mit dem Rad verläuft ruhig. Abends gehe ich zur Abwechslung an die Praia da Dona Ana, wo auch bei Flut noch genug Platz für Badebetrieb ist. Ich bin mittlerweise dermaßen gechillt, dass ich nicht einmal Fotos mache; die Strava-Spur muss heute genügen 😉

So. 22.5. Nix

Wind und Wellen sind angesagt, die Kulturstätten sind geschlossen. Ich schnappe mir den Laptop und schreibe weiter an diesem Beitrag. Eigentlich wäre das Wetter gut für ein Läufchen, aber ich suche noch Motivation. Ich hoffe noch auf ein bisschen Sonne gegen Abend und 10 Minuten am Strand.

Mo. 23.5. Meia Praia

Schwimmtechnisch steht nichts Tragisches mehr an. Die Meia Praia, die ich entlangschwimmen will, ist ein traumhafter, über vier Kilometer langer Sandstrand. Man kann bei Bedarf überall rein und raus, nur bei Brandung muss man aufpassen, dass einen keiner mit dem Bügelbrett übersurft. Heute ist das Meer aber weitgehend ruhig, obwohl schon seit Tagen ein kräftiger Wind weht. Ich kette das Fahrrad unter der Beachbar an und wandere zum westlichen Ende. Auch heute weht der Wind forsch vom Land aufs Meer. Es ist Ebbe und ich wate erst mal ein Stück hinaus, bevor ich losschwimmen kann. In der Nähe der Mole gibt es noch einige Sardinenschwärme, danach sehe ich nur noch den gerippten Sand unter mir. 1.200 Meter schaffe ich gemütlich, dann habe ich einen Punkt gefunden, den ich mir gut merken kann. Nächstes Mal geht es ab hier weiter, 3,6 Kilometer fehlen noch bis zum Leuchtturm. Wenn die Bedingungen so bleiben, schaffe ich das bis Ende der Woche.

Di. 24.4. Steinzeit

Heute geht es mit dem Rad in’s Hinterland, ein Besuch der steinzeitlichen Hügelgräber in Alcalar steht auf dem Programm. Das Navi führt mich zunächst auf der inzwischen bestens bekannten N125 nach Osten, bevor es mich auf Feldwegen in die Hügel schickt. Zum Fahren nicht der Brüller, aber die Aussicht ist wunderbar. Olivenhaine ziehen sich über die Hügel, dazwischen leuchten blau blühende Disteln. Nach einer guten Stunde erreiche ich mein Ziel. Die Frau an der Kasse freut sich einen Wolf: erst mal, dass überhaupt wer kommt, zweitens, dass der Ausländer etwas Portugiesisch spricht. Die nächsten Besucher, ein Pärchen, tauchen erst auf, als ich wieder gehe, rund 45 Minuten später. Auf dem Gelände ist nicht sooooo viel zu sehen, zwei Grabhügel und ein Kalkofen. Auf den Wiesen dazwischen mehrere Stationen für die Bespaßung von Schulklassen, mit Feuerstellen, Steine-Schlepp-Anlage und Ähnlichem.

Nach dem Besuch eine Enttäuschung: das Cafe gegenüber hat keine Pastel, nicht mal vom Stockfisch! Ich trinke meinen Fingerhut voll Kaffee und fahre zurück nach Lagos, wo ich mir bei „A Internacional“ vor lauter Frust eine Handvoll portugiesische Comic-Bücher kaufe. Danach gibt es ein Sandwich am Gil Eanes Platz, Kühlschrankmagneten aus dem Souvenirladen und als krönenden Abschluss ein Pastel de Nata in der Pastelaria Mimo.

Mi. 25.5. Meia Praia

Heute brauchte ich ewig, um in die Puschen zu kommen. Erst am frühen Nachmittag packte ich meinen Schwimmkram und radelte an die Meia Praia. Schnell fand ich die Stelle, an der ich Montags ausgestiegen war, auf Höhe eines Rettungsrings neben der Bar mit den zwei Flaggen. Das Meer war immer noch wunderbar ruhig und ich schwamm gemütlich meinen guten Kilometer. Am Ende suchte ich wieder eine Landmarke, diesmal den ersten Rettungsring nach der Iberostar-Hotelanlage. Der Wind machte den Rückweg zu Fuß unangenehm und beschwerlich. Ich war ziemlich durchfroren, als ich bei meinen Klamotten ankam – nach einer erstaunlich langen Wanderung.

Do. 26.5. Meia Praia

Neuer Tag, neue Etappe. Die Auswahl der Bekleidung habe ich dem Telefonjoker überlassen. Dieses Streckenschwimmen in Etappen ist wirklich lustig. Man merkt beim Hinradeln und Zurückwandern so richtig, was für ein mordsmäßiger Held man doch ist, solche Strecken schwimmend zu absolvieren 😉. Heute war ich schlauer und schleppte meine Klamotten in der Boje mit, damit ich für den Rückweg was zum Anziehen hatte. Langsam wird die See unruhiger, im Lauf meiner Strecke wurden die Wellen immer höher, waren aber noch recht gut schwimmbar. Ich war inzwischen so weit vorangekommen, dass die Bebauung am Ufer nachließ und ich keinen klaren Bezugspunkt für den Ausstieg mehr fand, außer einem nackten Mann in den Dünen. Vielleicht habe ich ja Glück und der liegt da jeden Tag… Das soll mich aber nicht betrüben. Die Mole am Ende des Sandstrands ist schon in Sichtweite. Beim nächsten Mal wandere ich einfach bis dorthin und schwimme zurück, das sollte sich schon überlappen. Uuuuund ich habe dann die Wellen von hinten statt von vorn. Dass das ein bisschen geschummelt ist, nehme ich in Kauf 😉.

Abends war ich nochmal an der Praia do Camilo. Die mitgebrachte Schnorchelausrüstung konnte ich vergessen, die Brandung war inzwischen so stark, dass das Wasser völlig trübe war. Also ging ich mutig schwimmen. Vom Strand aus sah ich eine Linie mit weniger Brechern, auf der ich sicher vom Ufer wegkommen sollte. Das hat auch gut geklappt. Das Vorhaben, mal mit richtig schönen Wellen durch die Felsspalte zu rauschen, habe ich in einem unverhofften Anfall von Vernunft aufgegeben. Durch die Spalte wäre ich wohl ungefährdet durchgekommen, aber von dort bis zum Strand tobte eine üble Waschmaschine durch die kleineren Felsen, die beim jetzigen Niedrigwasser knapp unter der Oberfläche lauerten. Damit war die Vernunft aber auch schon erschöpft; nach dem Landgang habe ich ein Maul voll Seetang probiert, der ja angeblich gesund sein soll. Ich sag mal so: macht das besser nicht!

Fr. 27.5. Abschluss

Die letzte Etappe steht an. Ich radele zu meinem Strand und suche meinen Zielpunkt, zwei Baukräne neben einer Neubausiedlung. Ab hier messe ich mit der Uhr die Entfernung zur Mole, an der ich starten will. Es sieht merkwürdig weit aus und auch die Gebäude hatte ich anders in Erinnerung. Die Brandung macht mir Sorgen, gegen die möchte ich nicht rausschwimmen, zum Anlanden müsste es aber gehen. Ich gehe weiter den Strand entlang und mache zwei Entdeckungen, die mir helfen: erstens war ich bei den falschen Kränen losgelaufen, die richtigen mit den korrekten Neubauten sind gut 400 Meter weiter; ab hier stimmt auch die gefühlte Distanz zur Mole; selbst der nackte Mann liegt an der richtigen Stelle. Zweitens macht der Strand einen Bogen und am Ende ist kaum Wellengang. Ich kann also an der Mole losschwimmen und in einer Sekante parallel zum Wellengang vorwärts kommen. Danach muss ich nur den Ausstieg überleben. Ich komme wieder gut voran und halte auch einigermaßen die Richtung. Je weiter ich mich aber vom Ufer entferne, desto höher wird der Wellengang. Das erschwert die Orientierung und bereitet mir auch ein mulmiges Gefühl. Immerhin kann ich jederzeit aussteigen, wenn mir das Vorhaben zu gefährlich wird. Dann pegeln sich Wellen und Gefühl aufeinander ein und ich schwimme einfach weiter. Bei jedem Blick auf die Uhr bin ich rund 150-200 Meter vorangekommen. Schneller als erwartet ist der Kilometer geschafft, den ich mir vorgenommen hatte und ich halte schräg auf’s Ufer zu. Die zwei Kitesurfer, die mich zwischenzeitlich verunsichert haben, sind verschwunden – auch gut! Die letzten gut 50 Meter geht es durch die Brandung. Ich klemme die Boje unter den Arm, damit sie nicht weggerissen wird. Die Brecher von hinten sind gleichmäßig getaktet und gut zu hören. Immer, wenn mich einer überbricht, stecke ich den Kopf unter Wasser und halte das Brillenband am Hinterkopf fest. Schließlich spült mich die letzte Welle an den Strand. Ich stoppe pflichtgemäß die Uhr – nur was auf Strava kommt, ist wahr, wie meine Yogalehrerin zu sagen pflegt. Am Basislager gibt es eine Spardusche aus der Radflasche. Ich nutze den Umstand, dass an diesem Strandabschnitt Textil optional ist und lasse mir den warmen Wind um alles wehen, was darin flattern möchte. Kurz, bevor mich der Sonnenstich ereilt, mache ich mich auf den Rückweg. Bei der Stärkung in der Sportbar O Amigo frage ich mich, warum dort immer Motorrad-GP läuft. Wiederholen die ein Rennen in Dauerschleife, bis das nächste stattfindet, oder gibt es immer irgendwo ein Rennen?

Hier nochmal alle Schwimmstrecken übereinandergelegt

Sa. 28.5. Golfinhos!

Heute das volle Touristen-Programm: Strand und Bootsausflug 🙂 Am Strand lese ich den Malteserfalken als Comic auf Portugiesisch. Dann Delfin-Tour, laut Werbung 90 Minuten. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen kam uns ein schnittiger Katamaran entgegen, mit einem Riesen-Schlauchboot im Schlepptau. Nach kurzem, heftigen Nachdenken kam ich darauf, dass das Schlauchboot mit seinem Außenborder den Segler schob. Der war nämlich ein hochgezüchtetes Renngerät mit Tragflügeln, dafür ohne Motor und kam gerade vom Training in der Bucht zurück. Diese Teile hatte ich in den Tagen zuvor in voller Fahrt gesehen, eine spektakuläre Show. Dann fuhren wir an der Küste entlang, die ich in den ersten zehn Tagen beschwommen hatte. Vom Boot aus hat man einen besseren Blick darauf, als beim Vorbeischwimmen, man sitzt höher und kann sich aufs Gucken konzentrieren. Beim Schwimmen ist man ja eher mit so existentiellen Fragen beschäftigt, was zuerst kommt: der Krampf, der Haifisch, die Monsterwelle oder die Panikattacke? Wenn das Kopfkino so richtig in Fahrt kommt, ist letztere jedenfalls garantiert 😉

Nach 45 Minuten ohne Delfin rechnete ich schon damit, dass der Skipper jetzt ergebnislos zum Rückflug ansetzen würde. Dann die Überraschung: plötzlich waren wir mitten in einem Riesenschwarm mit über 100 Tieren. Der Skipper und sein Maat waren völlig aus dem Häuschen, so viele auf einmal hatten auch sie schon lange nicht gesehen. Die Delfine folgten dem jetzt langsam fahrenden Boot, tollten um es herum und paarten sich fleißig. Nach 274 Fotos merkte ich erst, dass die Linse meiner Kamera beschlagen war. Schnell machte ich noch Aufnahmen mit dem Telefon. Nach rund 20 Minuten drehten wir ab und fuhren zurück. Auf dem Weg zum Anlegeplatz sah ich noch ein Hochsee-Ruderboot. Als ich den Skipper danach fragte, regte er sich mächtig über die Idioten auf, die mit so was auf hohe See fahren, weil er die dann mitten im Sturm wieder einsammeln darf.

So. 29.5. Rad ab

Heute das Rad notdürftig geputzt und schweren Herzens abgegeben. Mein Portugiesisch scheint Fortschritte zu machen, die Leute antworten inzwischen nicht mehr sofort automatisch auf Englisch, wenn ich was sage. Die 50 Euro Kaution gab es in bar, so habe ich Reserve für den Rückflug – in Deutschland sind wohl die Kartenzahlungssysteme in Tilt. Nachmittags am Strand von Dona Ana habe ich den Malteser Falken zu Ende gelesen und tatsächlich das Meiste verstanden! Danach zur Belohnung eine schöne Runde in der Bucht, durch die Felsspalten, die bei Ebbe frei liegen.

Mo. 30.5. Heimreise

Ein letzter Trip zum Strand von Camilo. Die Inder, die dort den Morgenputz erledigten, haben sich vermutlich scheckig gelacht ob meiner Yogaübungen… Ein letztes Mal um die Felsen herum und durch die Spalten geschwommen und mich von den Sardinen verabschiedet, die in den drei Wochen meines Aufenthalts ganz schön groß geworden sind. Nach dem Check-out habe ich noch gemütlich Zeit für einen Stadtbummel und ein letztes Krabbenomelette in meinem Stammlokal Taquelim Gonçalves. Um 3 kommt der Bus und fährt mich zum Flughafen. Der Busfahrer ist streng darauf bedacht, dass der Motor weiterläuft, wenn er andere Fahrgäste einsammelt – dazu dektiviert er eigens den Autostop. Beim nächsten Halt habe ich ihn ausgetrickst und per Zündschlüssel den Motor abgestellt. Als er losfahren wollte, hat er eine Minute gebraucht, um zu verstehen, was los war…

Der restliche Heimweg verlief ereignislos. Um 1 Uhr früh gab es noch Spaghetti, die mein Sohn extra gekocht hatte, dann einen langen tiefen Schlaf.

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Pasteis para todos!

Drei Wochen Urlaub am Atlantik zusammenzufassen ist gar nicht so einfach. Während ich den Artikel editiere, hier ein erster Eindruck:

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Zurück im Regen

Auch 2021 hat sich das Geburtstagsschwimmen immer weiter nach hinten geschoben, wie schon 2020. Mai und Juni waren kalt und nass, erst im Juli gab es wieder sonnige Tage. Eine Woche Urlaub am Bodensee machten wieder Laune auf Freiwasser. Fast täglich war ich im Seebad Mettnau unterwegs. Nach dem Urlaub tüftelte ich an einer Möglichkeit, mein jährliches Geburtstagsschwimmen dort zu absolvieren. Für Neulinge – oder Leute wie mich, die sich nichts merken können: Seit einigen Jahren schwimme ich einmal im Jahr in einem Fluss oder See mein Alter in Hektometern. Kilometer oder Meilen wäre arg verwegen, deshalb Hekto~. (Zur Erinnerung: 1 Hektoliter sind 100 Liter, oder 237 Maß Bier auf dem Oktoberfest.) Diese Strecke hätte recht gut zwischen Strandbad Mettnau und Gaienhofen reingepasst. Da hätte ich sogar noch Kuchen im Haus Dix essen können! Aber die Deutsche Bahn wollte nicht so, wie ich wohl will und legte zwecks Baustelle die Strecke Stuttgart-Singen lahm. Da runter kommt man bis Mitte September nur über Ulm, daraus wird also nichts, die Idee muss ich für 2022 aufheben.

Im August beschloss ich spontan, eine Woche nach Regensburg zu fahren und meine Schwester zu besuchen. Auch die Kinder kamen mit, mussten aber vor mir wieder zurückfahren, so hatte ich den Donnerstag zur freien Verfügung. Die ganze Schwimmausrüstung, inklusive Neo und Ruckraft, hatte ich vorsorglich dabei, auch die Flusskarten, die ich bei meinem ersten Regenschwimmen 2014 säuberlich laminiert hatte. Am Morgen brachte ich meine Tochter zum Bahnhof und fuhr von dort direkt nach Pielmühle. Dort ließ ich das Auto stehen und wanderte am Regen entlang nach Norden, das Schwimmzeug im Rucksack. Nach einer guten Stunde kam ich in Edlhausen an, wo ich nach meiner Berechnung starten musste, um die geplante Strecke unterzubringen. Aber erst mal musste ich überhaupt zum Fluss kommen. Auf mehreren hundert Metern war die Wiese zwischen Radweg und Regen durch eine Pferdekoppel mit Elektrozaun blockiert. Ich stapfte außenrum, immer in der Befürchtung, dass gleich ein Landwirt mit Mistgabel aus dem Busch springt und mich bezichtigt, seinen Huflattich grasen zu wollen. Schließlich fand ich eine Stelle im Gebüsch, an der man nicht nur unfallfrei wassern, sondern sich auch blickgeschützt umziehen konnte. Auch die gesamte Ausrüstung wollte verstaut sein. Auf dem Ruckraft montierte ich eine Kamera auf Stativ für Videoaufnahmen; eine Handkamera mit Dome Port für Fotos stopfte ich zwischen die Riemen, neben die Wasserflasche und die Flusskarte. Hier Fotos von der Vorbereitung und im Einsatz:

Als ich gerade losschwimmen wollte, fiel mir auf, dass der Reißverschluss am Neo noch offen war. Den hatte ich zwar vorher schon – zu meiner großen Überraschung – erfolgreich geschlossen, dann aber wieder halb geöffnet, um Vaseline um den Hals zu schmieren. Jetzt ging er natürlich um die Burg nicht wieder zu… Es bedurfte mehrerer Minuten akrobatischer Verrenkungen und internationaler Flüche, bis die Garderobe wieder gesellschaftsfähig war. Dann schwamm ich endlich los. Und wusste sofort, warum ich hier war und das tat. Schwimmen im Freiwasser ist für mich die beste Therapie. Und wenn der Fluss ordentlich Strömung hat, macht das umso mehr Spaß! Anfangs spielte ich noch ein wenig mit meiner Unterhaltungselektronik und machte Fotos, aber dann fiel ich in den Flow und schwamm einfach nur vor mich hin. Laut Markus Söder (bzw. seinem Landesamt für Umwelt) hatte das Wasser etwa 19°C. Mit Neo war ich also bestens angezogen, schließlich muss ich niemandem etwas beweisen 😉 . Recht bald kam die Brücke bei Regendorf in Sicht. Dort musste ich kurz raus. Von meiner letzten Beschwimmung 2014 wusste ich, dass der Fluss auf den ersten 200 Metern nach dem Wehr gerade mal knöcheltief ist, also ging ich am Ufer entlang und stieg weiter unten wieder ein. Von hier waren es noch rund 4 km zu schwimmen. Ich war im Vorfeld nicht sicher gewesen, wie ich die Gesamtstrecke überstehen würde; doofes Wetter und eine kleine OP hatten mein Training dieses Jahr erheblich eingeschränkt. Doch die Sorge war unbegründet, stressfrei und entspannt schwamm ich gemütlich weiter. Kurz nach Zeitlarn sah ich die Bojen vor dem Wehr Pielmühle, früher als erwartet. Um die 61 Hm auch sicher voll zu machen, schwamm ich etliche Male im Zickzack über den Fluss hin und her, bevor ich auf die Zielgerade einbog. Die abendliche Analyse beim Önologen hatte ich mir damit redlich verdient.

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Mal was Neues: Walk & Swim

Welzheim, 15.07.2021

Wer hat’s erfunden? Edison oder Swan (Glühlampe)? Bell oder Meucci (Telefon)? Marconi oder Tesla (Radio)? Albrecht oder Tschepe (Walk & Swim)? Zumindest ist es zwischen den letztgenannten noch zu keinem öffentlichen Shodown über das geistige Eigentum gekommen – hoffentlich bleibt das so!

Was ist ein „Walk & Swim“? Nachdem Swimrun-Veranstaltungen in den letzten Jahren wie Stechmücken aus dem Wasser geschossen sind, wollten Albrecht und Tschepe eine gemütliche Variante schaffen, bei der das Naturerlebnis im Vordergrund steht. Zusammen haben sie vor einigen Wochen eine Strecke ausbaldowert, die mehrere Stunden Wandern mit zwei kleinen Schwimmeinlagen kombiniert: eine große Wander-Runde von Welzheim nach Welzheim, dazwischen Abkühlung in Ebnisee und Aichstrutsee.

Diese Woche fand das erste Schaulaufen mit Publikum statt. Neben der sprichwörtlichen Waldfee Leonie Treml, dem Landrat Richard Sigel und dem Bürgermeister Thomas Bernlöhr war auch ich geladen. Für mich eine willkommene Gelegenheit, mein nagelneues Ruckraft von Above-Below zum ersten Mal im praktischen Einsatz zu testen. Donnerstag fuhren wir nach Welzheim, nicht ohne in der Brotschmiede nochmal zu frühstücken.

Um 11 Uhr trafen wir am Parkplatz nahe Welzheim die anderen Teilnehmer. Die Waldfee stieß als Erste zu uns, in grüner Amtstracht.

Bald traf auch die übrige Prominenz sowie die Presse ein. Martin und Steffen erklärten die Idee des Walk & Swim und die Möglichkeit, dass der Schwäbische Albverein dieses Format demnächst offiziell anbietet. Während die anderen Teilnehmer mit schicken, fabrikneuen Schwimmrucksäcken von Mad Wave ausstaffiert wurden, hatte ich mein hochseetaugliches Schlauchboot dabei. Dann starteten wir auf die erste Wanderetappe. Nach einer Woche Dauerregen war der schmale Pfad im Wald eine tiefe Schlammpiste. Während die Sportskanonen sich um ihre hochwertigen Funktionstreter sorgten, legte die Fee nonchalant ihre Feenspuren in’s Gelände.

Meinen Respekt: barfuß lief sie eine halbe Stunde über Stock und Stein, ohne eine Miene zu verziehen. Am Ebnisee stießen wir auf weitere Gentlemen von der Presse. Während Martin und Steffen ihnen weitere Auskünfte gaben, blies ich schon mal mein Gummiboot auf. Das ging überraschend schnell. Wir gingen noch hundert Meter am Ufer entlang, dann warfen wir uns in Badekluft und verstauten die Klamotten in den diversen Säcken. Ich packte meinen Rucksack in den wasserdichten Packsack des Rafts, schnallte ihn auf den Schwimmkörper und bastelte die Kamera oben drauf. Hier hat sich der neue GorillaPod bewährt: die knubbeligen Beinchen dieses Stativs lassen sich mit banalen Gummiringen (ich sammle immer die von Radieschen- oder Karottenbünden, zwanzig Jahre bei den Schwaben haben abgefärbt) schnell und sicher befestigen. So sieht das Ganze aus:

Foto: Martin Tschepe

Das Wasser war wunderbar frisch, nicht zu kalt und wir schwammen gemütlich und scherzend schräg über den See. Die Presse-Entourage war indes zu Fuß außen herum gelaufen und dokumentierte unsere Ankunft.

Foto: Martin Tschepe

Nach kurzem Kostümwechsel starteten wir auf die nächste Wander-Etappe. Die Wege waren diesmal ziviler, die Fotomotive fanden sich dafür links und rechts derselben.

Am Aichstrutsee kamen wir flott in’s Wasser – schließlich waren wir inzwischen routinierte walk’n’swimmer!

Foto: Martin Tschepe

Der Aichstrutsee war ein gefühltes halbes Grad kühler als der Ebnisee, aber immer noch angenehm zu schwimmen; wir waren auch nur zehn Minuten unterwegs. Danach verabschiedeten wir den Welzheimer Bürgermeister Thomas Bernlöhr, der die Tour wacker mitgemacht und – nach eigenem Bekunden – auch genossen hatte. Martin, Steffen und ich gingen die restlichen Kilometer nach Welzheim und genehmigten uns im Cafe Westkastell noch köstliche Kuchen.

Fazit:

Der Walk & Swim ist ein tolles Format, dem ich eine erfolgreiche Zukunft wünsche!

Das Ruckraft war die beste Anschaffung des Jahres: Stauraum ohne Ende (wichtig für mich, weil ich immer den gesamten Hausstand mitschleppe) und im Wasser völlig neutral, man bemerkt es kaum.

Und hier noch der Film, der unterwegs entstanden ist:

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Kein Buch für mich

Es passiert selten, dass ich ein Buch nach 30 Seiten final weglege, aber gestern war es so weit. „Alte Sorten“ von Ewald Arenz hat mich vom ersten Satz an genervt. Der zweite Satz war noch schlimmer als der erste. Dass ich überhaupt bis Seite 30 gekommen bin, muss am Wein liegen – ein klarer Beweis für die Gefahren des Alkohols!

Was ist an den beiden Sätzen so schlimm? Ohne Rücksicht auf meine psychische Gesundheit habe ich die erste Seite nochmals aufgeschlagen und diese beiden Sätze studiert. Der erste Satz geht über 1 1/3 Zeilen und besteht aus 17 Wörtern. Davon sind sechs Substantive. Zieht man noch die fünf Artikel ab, besteht der Satz zur Hälfte aus Nomen, mit denen der Autor die Leser*innen überrollt. Der zweite Satz ist dann linguistisch dermaßen konfus, die Enstprechung im Fußball wäre ein verschossener Elfmeter, der im eigenen Tor landet. Das Corpus Delicti im Zitat: „Als Liss […] hügelan fuhr, sah diese aus wie Wasser, …“. Worauf sich „diese“ bezieht, ist auf Anhieb erst mal völlig schleierhaft. Im Satz selbst ist kein Bezug erkennbar. Im vorhergehenden Satz sind drei weibliche Begriffe, die in Frage kämen, ich habe mich dann für „die Luft“ entschieden, um die es offenbar ging.

Hinter dem übernächsten Punkt lauert schon die nächste Stalinorgel. Arenz bombardiert das Publikum mit einer dicht geballten Salve von gewagten Metaphern und sprachlichen Wunderkerzen und spielt seine Rolle als sprachgewaltiger und -gewandter Autor so aus, wie seinerzeit die USA in den Irak eingezogen sind: mit „shock an awe“.

Kurz darauf betritt die zweite Hauptfigur die Szene: Sally, eine minderjährige Frau, die aus einer Klinik davongelaufen ist, in der sie wegen Essstörungen untergebracht war. Und wieder spielt Arenz den germanistischen Zampano: er lässt nicht nur mit großer Meisterschaft die verpeilte Göre ganz überzeugend im rotzig-trotzigen Jugendslang sprechen, er übernimmt diesen Sprachduktus stückweise für die Erzählung, gerade so, als ob Sally ihre Geschichte selbst erzählte.

Danach hatte ich genug von diesen sprachlichen Taschenspielertricks; Buch zu verschenken.

P.S. Warum eigentlich fährt Liss mit einem leeren Anhänger am Traktor in die Weinberge, kehrt dort um und fährt mit dem leeren Anhänger wieder zurück?

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Ich habe keine Übergangsjacke…

… ich habe einen Übergangs-Kleiderschrank! Dessen Inhalt hängt in dieser Jahreszeit nahezu vollständig an der Hakenleiste an meiner Zimmertür. Bei diesem Wetter habe ich griffbereit: eine Garnitur in kurz und dünn, eine in lang und dünn und eine in lang und dick. Jeweils für Laufen und Radeln. An der Garderobe im Flur hängen – dazu passend – etwa drölfzig *) Jacken für alle denkbaren Kombinationen aus viel/wenig Wind, Regen und Celsiusgraden. Seit einigen Tagen ziehe ich zudem ein Mützchen unter den Radhelm, wenn ich vom Schwimmen heim fahre. Handschuhe sind auch wieder angesagt, zunächst nur die dünnen als Windschutz. Neben den alten bequemen und den schicken neuen, aber etwas engen Radschuhen stehen die Winterschuhe mit Klickis sowie dünne und dicke Überschuhe. Die Kombinationsmöglichkeiten sind fast so groß wie bei der Konfiguration eines Neuwagens der automobilen Oberklasse (kenne ich nur vom Hörensagen).

Beim Schwimmen ist die Kleiderfrage dagegen übersichtlich (wenn man nicht zum Eisschwimmen geht, aber das führt jetzt zu weit). Aus meiner umfangreichen Buxen-Sammlung *) habe ich dieses Jahr fast nur die schöne bunte von Aquadeus getragen. Die ist offenbar unverwüstlich, riskiert aber, von einer noch schrilleren der Marke Turbo verdrängt zu werden, die ist aber noch nicht hier. Die weiße Speedo aus dem „Jungen Papst“ hatte ich noch nie im Einsatz – ich warte noch auf die Gelegenheit, welche genau das richtige Maß an Eitelkeit und Schamlosigkeit erfordert. Einen Übergang gab es heute trotzdem: Das Becken ist auf die halbe Größe geschrumpft! Nach Monaten im Freibad mit 50-Meter Becken war ich heute erstmals wieder im Hallenbad und durfte alle 25 Meter einen Purzelbaum schlagen. Dabei kam ich ganz schön außer Atem. Die Rollwende habe ich mir vor ungefähr fünf Jahren mit Hilfe von youtube-Videos beigebracht. Diesen Sommer habe ich dann versucht, die Tauchphase nach der Wende dynamisch-elegant zu gestalten. Wenn ich danach eine Minute Zeit habe, um wieder Sauerstoff zu tanken, klappt das ja; im kurzen Becken bin ich doch recht flott japsend an die Oberfläche geschossen. Obwohl ich heute nicht besonders ehrgeizig unterwegs war, brauchte ich für die 1000 Meter rund 90 Sekunden weniger als im großen Freibad – Rollwende sei dank!

Hier noch die im Text erwähnten Schwimm-Textilien / Bademoden in der Reihenfolge ihres Auftritts:

*) Vokabular entlehnt von meinem großen Vorbild Lutz Prauser

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ICH HAB NEUES SPIELZEUG!

Letzte Woche habe ich fantastische Unterwasserfotos gesehen. Dabei waren auch welche, die das Objekt teils über, teils unter Wasser abbilden. Beim Versuch, solche Fotos zu schießen, bin ich schier wahnsinnig geworden. Mit Bordmitteln ist so etwas offenbar physikalisch nicht möglich. Bei den winzigen Frontlinsen der gängigen Action-Cams bedeckt das anhaftende Wasser die ganze Fläche und lässt eine Trennlinie nicht zu. Bei den oben erwähnten Fotos stolperte ich in den Begleittexten über den Begriff „Dome Port“. Eine schnelle Abfrage machte mich (noch) schlauer (, als ich ohnehin bin): Ein dome port ist eine Halbkugel aus Plexiglas, die man vorn an die Kamera anflanscht. So etwas gibt es z.B. für die bekannte GoPro. So ein Teil habe ich natürlich in meinem Fundus, ich musste aber erst mal erkunden, welches Modell das denn ist. Es stellte sich natürlich heraus, dass es eine antike Version ist, bekannt als Hero3. Die ports sind genau auf die Kamera abgestimmt, weil das Objektiv genau in der Mitte der Halbkugel liegen muss und in das Gehäuse Tasten eingelassen sind, die genau zu den Tasten der Kamera passen müssen. Online wurde ich schnell fündig. Für mein Uralt-Gerät gibt es einen dome port von Telesin. Die Bewertungen auf der Handelsplattform gingen extrem auseinander, nicht nur bei diesem Hersteller. Neben begeisterten Reviews gab es auch solche, in der Nutzer den Totalverlust ihrer Kameras durch eindringendes Wasser beklagten. Ich bestellte mir sofort so ein Teil, heute kam es an. Der erste Eindruck: sonderlich stabil scheint es nicht zu sein, also lieber sorgsam behandeln. Bei dem Preis von 38 Euro war aber realistisch nicht mehr zu erwarten. Die beiliegende Anleitung war reichlich sparsam, aber nach reichlich Fummelei – die auch der knappen Passform der Teile geschuldet war – bekam ich alles zusammengestöpselt. Dass am Schluss noch Teile übrig waren, deren Bedeutung sich mir beim besten Willen und trotz meiner legendären Schlauheit nicht erschloss, hab ich letztendlich gar nicht ignoriert…

So sieht das Teil (ohne Zubehör) aus:

Vorgewarnt durch die Bewertungen habe ich als Erstes die zwölf Schrauben auf der Vorderseite auf gleichmäßigen, (nicht zu) festen Sitz geprüft. Dann habe ich das Teil im Spülbecken versenkt und kräftig geschüttelt. Man sieht, dass am Rand Wasser eindringt, das aber von dem roten O-Ring daran gehindert wird, in’s Innere durch zu dringen. Ich hoffe, das bleibt auch über die Zeit so…

Nachdem dann die GoPro wieder Akku hatte, war ich so kühn, sie in das Gehäuse zu packen und erste Testaufnahmen zu machen. Das Ergebnis war durchaus ermutigend!

Mein erster Eindruck: das Teil funktioniert, weist aber nicht die Stabilität der GoPro Original-Ausstattung auf. Ich werde es sorgsam behandeln und nur an der Oberfläche benutzen, für die es ja auch gedacht ist. Hier noch die ersten echten Aufnahmen – seid froh, dass ich keine Badewanne habe!

Ein paar Tage später durfte das Teil an die frische Luft, beziehungsweise ins frische Wasser. Dabei zeigte sich, dass man vorsichtshalber seeeeehr viele Aufnahmen machen sollte. Das Gehäuse ist für eine GoPro ohne Monitor gemacht. Um die Aufnahme zu sehen, müsste man schon ein Smartphone in Schutzhülle mitschleppen und die Kamera über die App steuern. Dann kann man auch gleich ein Schlauchboot chartern… Also 200 Fotos schießen, die Position millimeterweis ändern und am Ende 195 Fotos löschen. Immerhin schwimmt der Dome Port von alleine, er hat ja eine Menge Luft drin.

Hier die Fotos aus dem Neckar:

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Klein und fein und einzigartig – der mz3athlon 2020

Die Hälfte meiner Beiträge aus 2020 bestand bislang aus Genöle darüber, dass mein Plan, im Jahr meines Aufstiegs in die AK M60 selbige aufzumischen, von den Zeitläuften zu Staub zerrieben wurde. Als Babyboomer habe ich ja schon genug damit zu tun, mich der Heerscharen Gleichaltriger zu erwehren, die partout ihre Laufschuhe nicht an den Nagel hängen wollen; im Gegenteil, die alten Säcke werden von Jahr zu Jahr zäher! Ich hingegen werde den Teufel tun und auf gutes Essen und Trinken verzichten (Cheers, Leute!). Wie gesagt, 2020 brach an und alle Wettkämpfe wurden abgesagt, gleichzeitig fluteten die Hobbyletten Lauf- und Radstrecken und steigerten sich in eine nie gekannte Trainingsform.

Dann ergriff Achim Seiter mit seiner Truppe unbesiegbarer Gallier von 3Komma8 die Inititative, entwickelte ein Hygienekonzept, überzeugte das Freibad, den Sportverband und das Landratsamt. 240 Startplätze, keine Zuschauer, Jagdstart, verkürzte Strecken. Ich hatte kaum davon gehört, da war ich auch schon angemeldet. Als Genussmensch (s.o.) wählte ich die letzte Startgruppe (und kam dadurch unter enormen Zeitdruck, weil ich den Termin in Stuttgart um 14:30 in meiner Euphorie verdrängt hatte).

In altgewohnter Paranoia legte ich 24 Stunden lang meinen Krempel zurecht. Heute früh holte ich ein mittelgroßes Stadtmobil, packte das Rennrad und besagten Krempel hinein und düste los. Natürlich viel zu früh… In Steinheim fiel mir dann auf, dass ich keine Schwimmbrille dabei hatte. 250 Meter sollte ich aber auch im Blindflug bewältigen können. Beim Check-in 45 Minuten vor dem Start brachte ich noch den Kampfrichter in Verlegenheit, der nicht sicher war, ob meine Fahrradklingel dem Regelwerk entsprach. Ich hatte komplett verpennt, die abzuschrauben, das holte ich fix nach und war damit wieder auf der sicheren Seite. Ich stellte das Rad an seinen Platz und legte den Krempel daneben. Ein netter Kollege hat das fest gehalten.

Nunmehr ohne Brille tapste ich in’s Schwimmbad und schaute mir an, wie das mit den Bahnen so funktionierte. Im Becken waren drei Doppelbahnen abgeleint. Man sollte auf einer Doppelbahn im Rechtsverkehr rauf und runter schwimmen. So weit, so gut, das praktizierten wir schon das ganze Jahr so. Dann aber sollten wir unter der Leine durch nach rechts auf die nächste Doppelbahn wechseln. Ob ich das mit Rollwende schaffen würde? Ich war seit Monaten auf die andere Drehrichtung geeicht! Die Startzeit rückte näher und mir wurde langsam mulmig. Seit Ende 2019 war ich eher lange und gemütlich unterwegs gewesen, jetzt sollte ich hier sprintmäßig loslegen, das entsprach so gar nicht meiner Einstellung (s.o.). Schließlich war ich dran. Ich hechtete in’s Becken und vollführte das, was ich für Delfinkicks halte. An der ersten Wende knallte ich fast an die Wand. Ich hatte im gewohnten Abstand zur Rolle angesetzt, war aber deutlich flotter unterwegs als beim Rentner-Frühschwimmen. Die zweite Wende unter der Leine durch in die „falsche“ Richtung habe ich irgendwie hingeschummelt, dann kam wieder eine „normale“ Wende (wieder ziemlich nahe an der Wand). An der nächsten Wende war ich gleichauf mit meinem Vorschwimmer und wir wurstelten uns nebeneinander unter der Leine durch. Falls jemand das nicht bemerkt hat, weise ich nochmal ausdrücklich darauf hin: ich hatte dem Kollegen auf 200 Meter eine Minute abgenommen 🙂 . Der Wechsel verlief unspektakulär und die Radstrecke war so hektisch, wie ich das befürchtet hatte. Auf 18 Kilometer darf man keine Sekunde den Druck wegnehmen. Dafür war die Strecke überwiegend in sehr gutem Zustand, die Helfer aufmerksam und die engen Ecken gut gekennzeichnet. Beim Abstieg umzirkelte ich noch zwei Leute, die den Wechsel nicht so perfekt beherrschten wie ich, und ging auf die drei Runden Laufstrecke. Drei Mal ging es einen fiesen Hügel hoch, der mir Alles abverlangte. Auf der Laufstrecke hatte ich auch mein schlechtestes Teilergebnis. Den Hügel hinunter gab ich mächtig Gas und versuchte danach, die Schrittfrequenz auch in der Ebene beizubehalten. Nach gut 5 Kilometern hatte ich keine Energie mehr für einen Endspurt, aber immerhin noch die Luft für einen Zielschrei. Corona-bedingt war der Zielbereich recht aufgeräumt, man sollte sich dort gar nicht aufhalten. Die Zielverpflegung gab es im Beutel und ich musste sowieso expressmäßig nach Stuttgart. Zügig sammelte ich meinen Krempel wieder zusammen, karrte alles nach Hause, drehte eine Ehrenrunde durch die Dusche und war tatsächlich pünktlich in der Landeshauptstadt.

Nach dem, was Race Result so sagt, habe ich mich ganz wacker geschlagen. Die Hauptsache aber: es war ein richtig knackiger Wettkampf, mit allem Drum und Dran. Vor dem Start bedauerte ich noch den Stadionsprecher, der mit größtem Einsatz die viereinhalb genehmigten „Family and Friends“-Zuschauer bespaßte. Auf der Strecke habe ich den Zuschauermangel dann kaum wahrgenommen. Zahlreiche Helfer*innen, die den Weg wiesen, Wasser reichten oder für Notfälle bereit standen, sorgten für Stimmungsnesterchen. Meinen herzlichen Dank an alle, die sich den Sonntag um die Ohren geschlagen haben, um für ein kleines Häufchen Athleten einen perfekt organisierten Wettkampf zu ermöglichen! Ich liebe diesen Sport, ich liebe diese Menschen! In Steinheim habe ich vor ungefähr 15 Jahren meinen ersten Triathlon bestritten. Dass ich heute dort den einzigen des Jahres erleben durfte, war für mich ein riesiges Geschenk. Einen großen Dank an Achim und seine Truppe!

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Kleine Fluchten

(Kurzfassung und Fotos am Ende)

So spät wie dieses Jahr war ich noch selten dran mit Geburtstagsschwimmen – jetzt konnte ich es gerade noch in den August reinquetschen. Vorsicht, Flachwitz: Wie geht Geburtstagsschwimmen? Gar nicht, es schwimmt! Und zwar so viele Hektometer, wie ich in dem Jahr alt wurde. (Ein Hektometer ist so was Ähnliches wie ein Hektoliter, nur in länglich. Also ein- statt dreidimensional). In den letzten Jahren bin ich immer von Remseck zur Freibadgaststätte geschwommen, mal mit Katja, mal mit Martin und/oder Detlev. Dieses Jahr wollte ich es im Oberlauf des Neckar versuchen, ohne Schiffsverkehr und mit etwas transparenterem Wasser. Und irgendwie war mir nicht nach Gesellschaft.

Vor ein paar Wochen war ich bei Anne Klatt in Tübingen-Lustnau zum Tanzworkshop, da sind wir nachmittags in den Fluss gesprungen. Genau da wollte ich starten. Und weil der Urlaub dieses Jahr Corona zum Opfer gefallen ist (nach sechs Monaten habe ich mir gestern mit Hilfe einer Anwältin die Erstattung der Ticketkosten im gerichtlichen Mahnverfahren erstritten), wollte ich einen Kurztrip daraus machen (nach dem Ausflug zum Bodensee): zwei Tage auf gut Glück den Neckar runter. Am Mittwoch packte ich meine sieben Zwetschgen in den großen Sack von Chillswim. Die Million-Dollar-Frage war: Neo mitnehmen oder nicht? Zwei Wochen vorher, während der Hitzewelle, wäre die Antwort klar gewesen. Diese Woche vermeldete die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg eine Wassertemperatur von knapp 20 Grad. Das ist eigentlich beinahe lauschig, kann aber über die Zeit ganz schön zehren. Am Ende zog ich ohne Gummi los.

Donnerstag kurz nach Mitternacht grölte der Wecker (6 Uhr 30). Ich mümmelte eine Scheibe Toast und packte die letzten Utensilien nach dem Matrjoschka-Prinzip ein. Handy in den Ziplock-Beutel, diesen in den Schwimmsack und selbigen in ein Tragenetz. In Tübingen gönnte ich mir gegen 10 Uhr ein zweites Frühstück und wanderte hinaus nach Lustnau. Hinter dem Stauwehr wollte ich einsteigen. Die Stauwehre hatte ich aus den Luftbildern von Google Maps verortet und in meine Radwanderkarte eingezeichnet; auf der hatte ich auch Kilometermarken in den Fluss gekringelt. Rund 30 Kilometer bis Nürtingen hatte ich so vorbereitet, die Kartenabschnitte so klein wie möglich zusammengepuzzelt und laminiert. Das ergab ein Teil von etwas mehr als DIN A6, das ich an den Schwimmsack hängen konnte.

Nach dem Wehr kam noch eine flache Wildwasserpassage, an der spazierte ich vorbei und suchte mir einen gemütlichen Einstieg. Im dritten Anlauf war alles im Sack drin, was hinein gehörte (auch die Brille) und alles draußen, was ich in der nächsten Stunde brauchen würde. Ich verschloss den Sack und blies die Lufttaschen auf. Fotoapparat nebst Spiralkabel und Flusskarte hingen außen am Griff. Langsam stieg ich in’s Wasser, das beim Reingehen schon ein wenig frisch war. Die nächste halbe Stunde war reines Genuss-Schwimmen. Die Temperatur angenehm, das Wasser klar und gerade tief genug zum Schwimmen, ich konnte mich aber zum Fotografieren auch gemütlich hinstellen. Der Grund bestand aus großen, bemoosten Felsblöcken, über denen kleine Fische hin und her schossen, ab und zu schwang eine Wasserpflanze in der Strömung. Auf den ersten hundert Metern hatte ich noch einen Linksdrall, dann fand ich meinen Weg und schwamm schön geradeaus durch eine wunderbare Allee aus alten hohen Bäumen an beiden Ufern.

Nach knapp drei Kilometern sah ich das nächste Wehr vor mir, furchteinflößend beschildert. Zu meiner Erleichterung wie Verwunderung nahm die Strömung hier ab, das Wasser stand beinahe. So konnte ich nach einem Ausstieg suchen, ohne Panik, in die große Turbine gezogen zu werden. Inzwischen war ich doch ein wenig ausgekühlt, ich zitterte leicht und hatte taube Finger. Auch mental war ich zu dieser Zeit ziemlich grobmotorisch unterwegs. Einen gemütlichen Ausstieg fand ich nicht, zunehmend hektisch schwamm ich hin und her und kämpfte mich schließlich durch Gebüsch den Uferdamm hoch, den Schwimmsack hinter mir her schleifend. Auf einem Trampelpfad umging ich das Wehr und stapfte noch eine Weile am Neckar entlang. Gleich hinter dem Wehr war zu wenig Wasser, danach war das Ufer zu hoch und steil, um ungefährdet einzusteigen. Schließlich musste ich noch ein Trinkwassersperrgebiet der Stadtwerke Tübingen umwandern. Immerhin war ich wieder gut aufgewärmt und ausgeruht, als ich erneut ins Wasser stieg. An Kirchentellinsfurt vorbei ging es auf eine lange Gerade. Die Vegetation links und rechts sah hier mehr nach Urwald aus, als nach einer ordentlich-schwäbischen Allee. Sogar tote Baumstämme lagen im Wasser – hier hatte lange niemand gekehrt! Wieder kam ich knapp drei Kilometer voran, bis mich das nächste Stauwehr ausbremste. Diesmal war der Ausstieg noch dramatischer. Das Ufer war glatt, steil und rutschig, das vertrocknete Gestrüpp bot keinen Halt. Beim dritten Versuch fand ich eine Stelle mit einem Tritt auf halber Höhe und kämpfte mich hoch.

Laut meiner Uhr hatte ich bis dahin 57 von 60 Hektometern geschafft, das erste Etappenziel lag in greifbarer Nähe. Leider wurde ich dann von einem Zaun ausgebremst, der die Landzunge zwischen Neckar und Baggersee komplett versperrte. In den Fluss kam ich hier auch nicht, zu steil und voll Gestrüpp war hier das Ufer. Ich setzte mich erst mal hin und mümmelte die Käsesemmel, die ich morgens am Bahnhof gekauft und in einen Ziplock-Beutel gepackt hatte. Als Dessert gab es noch 1-2 Mini-Snickers aus einem anderen Ziplock-Beutel. Ich studierte meine Karten und sah, dass es im näheren Umkreis einige Käffer gab, aber ohne Bahnanschluss. So oder so hätte ich mehrere Kilometer hatschen müssen, um in eins davon zu gelangen. Und ohne Neo wollte ich nicht noch ein paar Stunden schwimmen – schon gar nicht noch einen weiteren Tag lang. Ziemlich frustriert zog ich mich um, packte meinen Krempel in den Beutel und wanderte zurück nach Tübingen. Heute, in aller Ruhe am Rechner sitzend, sehe ich natürlich auf Anhieb, wie ich hätte weiter schwimmen können…

Vom Kirchentellinsfurter Baggersee nach Tübingen führt ein nagelneuer Fuß-/Radweg, der einem Ludwigsburger Schlagloch-Radler die Tränen des ehrlichen Neids in die Augen treibt. Brav und gesittet wanderte ich am äußersten rechten Rand, denn der Radverkehr war beeindruckend. Rennradler, Ausflügler aller Art, mit und ohne Elektrik, ein Triathlet mit Scheibe – es ging zu wie auf der A8 vor Rosenheim. Kurz vor vier war ich wieder in Lustnau. Hier wollte ich die 60 Hektometer vollmachen und noch ein Stück den Neckar hochschwimmen. Leider kriegte meine Uhr hier den Schluckauf. Hatte sie die erste Gehpause noch korrekt ausgeblendet, so sprang sie jetzt von 5.700 auf 6.400 Meter. Hektisch stoppte ich sie und vermaß den letzten Abschnitt separat. Deshalb gibt es auch kein Foto mit der mythischen 60 auf der Anzeige. Das ist aber egal, denn die letzten Meter waren wieder ein reiner Genuss. Gegen die Strömung, wieder in Begleitung unzähliger kleiner Fische, über grünbewachsene Felsen schwamm ich bis zum Ruderclub. Dort stieg ich genau rechtzeitig aus, bevor mehrere Doppelvierer das Wasser unsicher machten. Drei Stunden später verdarb ich dem Junior den Abend: statt Pizza vom Lieferdienst gab es Spaghetti Carbonara.

Für alle, die nur das glauben, was auf Strava steht:

Teil 1
Teil 2

P.S. Diesen Artikel habe ich erst hinterher gelesen.

Und hier die Fotos:

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